1878, German, transl. J. Claussen, from the original 'Brennu-Njáls saga'.

Die Nialssaga

1

Rut's Brautwerbung.

In der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts lebte auf Island ein angesehener und mächtiger Bauer, namens Höskuld. Sein Hof hieß Höskuldstad und lag an der Laxau nicht weit von der Stelle, wo dieselbe in den Hvamsfjord ausmündet; dieser Fjord aber ist wiederum ein Arm des Bredefjord, welcher einen großen Theil der Westküste des Landes einnimmt. Höskuld's Vater Dalekol war anfangs Freimann in Norwegen; aber damals als Harald Schönhaar (Haarfager) sich dort zum Alleinherrscher machte, zog er fort mit seinem Weibe Thorgjerde, seinen Kindern und all seinem Gut und wanderte aus nach Island, gleich wie viele andere der reichen Bauern des Landes. Er ließ sich nieder im Thale der Laxau und nach seinem Tode wurde sein Sohn Höskuld dort Häuptling. Thorgjerde aber konnte nun nichts mehr an Island fesseln. Sie zog deshalb zurück zu ihrer Sippe in Norwegen. Da sie noch gut aussah und auch noch nicht alt war, warb ein königlicher Lehensmann namens Herjulf um sie. Sie heiratete ihn und es wurde ihnen ein Sohn geboren, dem sie den Namen Rut beilegte. Thorgjerde verlor indessen auch ihren zweiten Mann. Darnach wollte sie ihren ältesten Sohn besuchen. Sie begab sich wieder nach Island und blieb bis zu ihrem Tode bei Höskuld. Rut weilte eine Zeit lang in Norwegen und nach Thorgjerde's Tod verwaltete Höskuld Dalekolsohn auch sein Erbe. Später kam Rut Herjulfsohn selbst nach Island und nahm sein Eigenthum in Besitz. Er baute sich einen Hof im Laxauthal, welcher Rutstad genannt wurde. Höskuld war verheiratet, Rut nicht. Eines Tages waren beide Brüder auf dem Alting. Dieses wurde nämlich jährlich im Juni auf dem Tingfeld am Tingvallesee im südwestlichen Theile des Landes abgehalten und es versammelten sich dann dort von allen Seiten Häuptlinge und Bauern, um Gesetze anzunehmen und ihre Zwistigkeiten durch Urtheilsspruch beilegen zu lassen. Dort sagte Höskuld eines Tages zu Rut, daß es ihm lieb und erwünscht wäre, wenn Rut an seines Hauses Wohlfahrt dächte und sich eine Frau erwählte. "Lange habe ich selbst daran gedacht," antwortete Rut, "aber ich habe nicht mit mir selbst eins werden können. Indessen will ich thun nach deinem Gutdünken. Wo sollen wir denn Anfrage thun?" "Jetzt sind viele Häuptlinge auf dem Ting," antwortete Höskuld, "und es ist große Auswahl; da ist denn auch eine Maid, an die ich gedacht habe. Sie heißt Unne und ist eine Tochter Mörd Gige's, welcher ja ein sehr kluger Mann ist; er befindet sich hier auf dem Ting und seine Tochter ebenfalls; Du kannst sie also selbst sehen, wenn Du es wünschest." -- Mörd Gige, von dem Höskuld redete, war ein mächtiger Mann, erfahren in Rechtssachen und so gesetzeskundig, daß kein Urtheil für gesetzlich angesehen wurde, welches er nicht mit gefällt hatte. Er wohnte auf dem Hofe Valle im Südlande, in Rangauvalle zwischen den Flüssen Ost- und Westrangau. Seine Tochter Unne war ein schönes Mädchen, von guten Sitten und brav, und kein Mann, meinten die Leute, konnte in Rangauvalle eine bessere Wahl treffen. -- Am Tage darauf nachdem Höskuld und Rut, wie erzählt, sich beredet hatten, und als sie mit den anderen Männern zum Gesetzberg gingen, wo die Gesetze angenommen wurden, sahen sie einige Frauen vor einer der Hütten stehen, wo sich die Bewohner von Rangauvalle aufhielten. Denn die Bauern, welche zum Ting kamen, hatten Hütten, in welchen sie während der vierzehntägigen Dauer des Tings wohnten. "Schau hin, dort steht Unne Mördstochter, von welcher ich zu Dir geredet habe," sagte Höskuld zu Rut, als sie an den genannten Frauen vorbeigingen; "wie gefällt sie Dir?" "Wohl," antwortete Rut; "indessen weiß ich nicht, ob wir zusammen glücklich sein werden." Als aber die Versammlung für den Tag geschlossen war, gingen beide Brüder nach Mörd's Hütte und traten ein. Mörd saß im Hintergrunde. Sie grüßten ihn. Er erhob sich, ging ihnen entgegen, faßte Höskuld's Hand und ließ ihn neben sich setzen, während Rut neben Höskuld saß. Sie unterredeten sich eine Weile, zuletzt aber sprach Höskuld: "Ich will mit Dir über einen Handel sprechen, (denn als solchen betrachteten die Bewohner des Nordens stets die Ehe). Rut wünscht Dein Schwiegersohn zu werden und Deine Tochter zu kaufen. Ich meinerseits werde bei dieser Gelegenheit nicht knickern." Mörd antwortete: "Von Dir weiß ich, daß Du ein großer Häuptling bist; aber Dein Bruder ist mir unbekannt." "Er ist ein besserer Mann als ich," antwortete Höskuld. "Du wirst genöthigt sein, ihm eine gute Mitgift zu geben," fuhr Mörd fort, "denn ihr fällt das ganze Erbe nach mir zu." "Ich brauche nicht lange zu sinnen, wieviel ich versprechen will," entgegnete Höskuld und gab darauf an, wieviel er Rut an Gut und an Land mitzugeben gedenke. Mörd gab darauf gleichfalls die Mitgift seiner Tochter an und wie er die Anordnung des beiderseitigen Eigenthumsrechts auf Hof und Gut wünsche. "Mit diesen Bedingungen bin ich zufrieden," sagte Rut, "laßt uns nun dafür Zeugen berufen." So standen sie auf und legten die Hände ineinander. Mörd verlobte seine Tochter Unne mit Rut; die Hochzeit sollte bei ihm einen halben Monat nach Mittsommer gefeiert werden. Darauf ritten sie fort vom Ting und begaben sich auf den Heimweg.

2

Rut und Gunhilde, die Königsmutter.

Rut war noch nicht zu Hause angelangt, als er vernahm, daß sein Oheim, seines Vaters Bruder Össur von Norwegen gekommen sei und ihn baldigst zu sprechen wünsche. Das Schiff lag im Borgefjord, einem Arm des Faxefjord an der Westküste südlich vom Bredefjord. Rut bat Höskuld, mit ihm dorthin zu gehen. Er empfing seinen Oheim freundlich und liebenswürdig und bat ihn, er möge mit ihm ziehen und den Winter über bei ihm verweilen. "Das wird Dir nicht dienlich sein, Vetter," entgegnete Össur, "denn die Botschaft bringe ich Dir, daß Dein Halbbruder Eyvind todt ist, nachdem er auf dem Ting Dich zu seinem Erben eingesetzt hat; kommst Du aber jetzt nicht selbst zur Stelle, dann nehmen Deine Widersacher alles Gut." "Was ist hier am besten zu thun, Bruder?" fragte Rut Höskuld, "da komme ich in Noth, zumal ich jetzt meine Hochzeit anberaumt habe." "Du mußt hinreiten," antwortete Höskuld, "mit Mörd reden und ihn bitten, das Uebereinkommen dahin zu ändern, daß seine Tochter drei Winter hindurch als Deine verlobte Braut wartet." Rut zeigte sich geneigt, dem Rathe zu folgen; er ließ seine Pferde vorführen und ritt nach Rangauvalle, Höskuld aber ritt heim. Rut fand freundliche Aufnahme bei Mörd und erzählte ihm die Sache, indem er ihn um Rath fragte. "Wie groß ist das Erbgut?" fragte Mörd. Rut meinte, es möge hundert Mark Silber betragen, wenn er es ganz in die Hände bekäme, oder nach unsrem Gelde etwa 1200 Thlr., was für damalige Zeiten wenigstens zehnmal soviel bedeutete als jetzt. "Das ist eine große Summe gegen das Erbtheil von mir," sagte Mörd, "wenn es Dir recht ist, so rathe ich Dir, abzureisen." Darauf trafen sie ihre Verabredung, daß Unne drei Winter hindurch als verlobte Braut warten solle. Rut ritt zum Schiffe; er blieb dort während des Sommers, bis alles bereit war. Er bat Höskuld, seinen Hof und sein Gut in Obacht zu nehmen während seiner Abwesenheit und stach darauf bei günstigem Wind in See. Drei Wochen befanden sie sich auf dem Meere und landeten endlich auf der Insel Hern in der Nähe des jetzigen Bergen. Von dort segelten sie nach der Bucht (Vigen), denn das war der Name der Küste, welche den Meerbusen, der jetzt Christianiafjord heißt, umgiebt. Damals nämlich herrschte König Harald Graufell (Graafeld) über Norwegen und er und seine Mutter Gunhilde hatten in der Zeit ihren Wohnsitz in Kongehelle an der Götaelv, welche damals die Grenze zwischen Norwegen und dem südlichen Theil des jetzigen Schwedens war, wo die Gothen wohnten. Dort suchte Rut sie auf. Rut war ein schöner Mann, groß, stark und waffengewandt, von milder Sinnesart und sehr klug. Gunhilde gewann ihn alsbald lieb und versprach auch, ihm zu seinem Erbe zu verhelfen, falls er nach ihrem Willen thun wolle. Rut wagte nicht, ihr zuwider zu sein, denn sonst würde sie Rache gegen ihn geplant haben, ihm sein Gut geraubt und ihn selbst aus dem Lande gejagt haben. So versprach er denn ihr zu Diensten zu sein und sie verhalf ihm zu des Königs Gunst und zu einer angesehenen Stelle in seinem Gefolge. Er genoß viel Ehre, stand in hohem Ansehen beim König und durch Gunhilde's Hülfe erreichte er die Auszahlung seines Erbes; was er aber empfing, gab er ihr zur Hälfte. Als nach dem zweiten Winter allmählich der Frühling herankam, wurde er sehr still und in sich gekehrt. Gunhilde merkte es wohl und als sie einmal allein beisammen waren, sprach sie: "Was ficht Dich an, Rut, bist Du gemüthskrank?" Rut meinte, er könne es nicht leugnen. "Dem heimatslosen Mann blühen nur wenig Freuden," sprach er, denn es trieb ihn zurück nach Island. "Hast Du eine Braut drüben?" fragte sie. "Das nicht!" entgegnete er. "Dennoch weiß ich, daß es der Fall ist," sprach sie. Indessen redeten sie für diesmal nicht mehr davon. Rut trat vor den König und grüßte ihn. "Was ist Dein Begehr, Rut?" fragte der König. Er antwortete: "Ich bitte Dich, Herr, gieb mir Urlaub, um nach Island zu fahren." "Wird Dein Ansehen dort größer sein als hier?" fragte der König. "Das wohl nicht," erwiderte Rut, "aber jeder muß auf seinem Platze wirken." "Vergeblich würden wir ihn zurückhalten," sprach Gunhilde zum König; "laß ihn ziehen, damit ist ihm am besten gedient." Es war damals Theurung im Lande, indessen schenkte Gunhilde Rut soviel Mehl als er begehrte. Nachdem er sich zur Abfahrt fertig gemacht hatte, ging er hinauf zum König und Gunhilde. Diese führte ihn abseits und sagte zu ihm: "Hier ist ein Goldring, den ich Dir geben will!" und streifte denselben auf seinen Arm. Darauf schlang sie ihre Arme um seinen Hals, küßte ihn und sprach: "Habe ich Dich so in meiner Gewalt, wie ich es glaube, so lege ich Dir hiemit das Geschick auf, daß Du kein Glück findest an der Seite des Weibes, an welches Du denkst." Rut lachte darüber und ging fort. Darauf trat er vor den König, um ihm zu danken. Der König empfing ihn freundlich und wünschte ihm gute Fahrt. Rut ging alsbald zu Schiffe, es wehte ein günstiger Wind, und er gelangte glücklich in den Borgefjord. Sobald der Anker ausgeworfen war, ritt Rut heim, während sein Oheim Össur, der ihm auf seinem Zuge gefolgt war, beim Schiffe blieb, bis es entladen war. Es wurde ans Land gezogen und ein Dach darüber gebaut zum Schutz vor den Winterstürmen. Alles Gut aber wurde nach dem Laxauthal hinaufgeführt.

3

Rut's Ehe.

Bald nach seiner Heimkehr ritt Rut zu seinem Bruder und erzählte ihm von seiner Fahrt. Sie sandten Boten an Mörd Gige, er möge sich auf die Hochzeit bereiten, und sechs Wochen vor Winters Anfang, welcher in der Mitte des Monats, den wir October nennen, eintrat, machten sie sich schließlich selbst bereit, zur Hochzeit zu reiten. Sie hatten ein Gefolge von sechzig Mann. Vor ihnen war schon eine Menge von Hochzeitsgästen eingetroffen. Die Männer ließen sich nieder auf den Langbänken längs den Seiten des Hauses, die Frauen setzten sich auf die Querbank oder die Hochbank auf einer Erhöhung an der Giebelseite. Das Fest nahm einen guten Verlauf, aber die Braut sah nicht froh aus. Mörd händigte die Mitgift seiner Tochter aus, und sie ritt mit Rut heim. Auf Rutstad ließ er sein Weib über das ganze Haus walten, so daß niemand sich darüber aufhalten konnte, allein das Verhältniß zwischen ihm und ihr war nicht gut. Im Jahre nach ihrer Hochzeit, als die Zeit des Altings herankam, fragte sie ihn, ob er zum Ting zu reiten gedächte. "Warum fragst Du darnach?" entgegnete er. "Ich möchte gleichfalls zum Ting, um meinen Vater zu sprechen," antwortete sie. "Dann reiten wir mit einander," versetzte Rut, und Unne gab sich zufrieden. Als sie zum Ting kamen, ging Unne zur Hütte ihres Vaters. Er empfing sie freundlich, doch meinte er, ihre frühere Fröhlichkeit sei von ihr gewichen. Da brach sie in Thränen aus, jedoch ohne ein Wort zu sagen. "Weshalb kamst Du zum Ting," schalt Mörd, "wenn Du mir nicht Vertrauen schenken und offen reden willst? Gefällt es Dir etwa nicht dort im Westlande?" "Ich würde meine ganze Habe hingeben, wenn ich nur niemals dorthin gekommen wäre," sprach sie weinend. "Darin wollen wir bald klar sehen," sagte Mörd und sandte Männer aus, um Höskuld und Rut zu holen, worauf diese alsbald erschienen. Mörd erhob sich, empfing sie freundlich und hieß sie sich niederlassen. Sie unterredeten sich lange und recht freundschaftlich. Endlich sagte Mörd zu Höskuld: "Was ist es, was meiner Tochter zuwider ist dort im Westlande?" Rut nahm das Wort und sprach: "Selbst möge sie ansagen, ob sie Klage wider mich führen kann." Indessen wurde nichts derartiges gegen ihn vorgebracht. Da ließ Mörd Rut's Nachbarn und seine Hausgenossen darüber ausfragen, wie er ihr begegne. Diese aber gaben ihm alle ein gutes Zeugniß und sagten aus, sie habe in allen Dingen freien Willen. Schließlich redete Mörd seiner Tochter zu, sie möge mit Rut heimkehren und freundlich gegen ihn sein, "denn," sagte er, "alle Zeugnisse sprechen besser für ihn als für Dich." So folgte sie denn Rut vom Ting und während dieses Sommers kamen sie gut mit einander aus. Als aber der Frühling wiederkam, begann der alte Unfrieden auf's neue zwischen ihnen und wurde schlimmer und schlimmer. Im darauffolgenden Sommer ritt Rut nicht zum Ting, denn er beabsichtigte eine Fahrt westwärts nach den Fjorden und segelte ab, ohne daß seine Frau etwas dagegen sagte. Während seiner Abwesenheit aber bewog sie, als die Zeit des Tings heran kam, Össur's Sohn Sigmund dazu, mit ihr zum Ting zu reiten. Ihr Vater Mörd war da; er nahm sie wohl auf und bot ihr während der Dauer des Tings seine Hütte als Aufenthalt an, was sie gern annahm. "Wie bist Du jetzt auf Deinen Gatten Rut zu sprechen?" fragte er sie. Sie antwortete, sie könne nur Gutes von ihm reden, soweit er seinem eigenen Willen folge; es sei aber ein Zauber auf ihn gelegt. Nachdem sie ihm nun auseinandergesetzt hatte, was das gute Verhältniß zwischen ihnen störte, sagte Mörd: "Du hast wohl daran gethan, mir das zu sagen. Jetzt will ich Dir einen Rath geben, der Dir helfen wird, falls Du ihn ausführen kannst, ohne in irgend etwas davon abzuweichen. Erstlich mußt Du vom Ting wieder heimreiten; dann wird Dein Gatte zurückgekehrt sein und Dich wohl empfangen. Du mußt freundlich gegen ihn sein und ihm nach dem Munde reden. Dann wird es ihm scheinen, daß eine Veränderung zum guten stattgefunden hat. Du darfst auch weder Kälte noch Unwillen zeigen. Wenn aber das nächste Frühjahr kommt, mußt Du Dich krank stellen und nicht vom Bette aufstehen. Rut wird nicht darnach forschen, was Dir fehlt oder sich deswegen irgendwie grämen. Vielmehr wird er alle Hausgenossen bitten, Dich so gut wie möglich zu hüten und zu pflegen. Sobald dann die Zeit des Tings naht, wird er nach den Fjorden westwärts segeln gleichwie in diesem Jahre und Sigmund als Begleiter mitnehmen und ebenfalls nicht bis zur Tingzeit zurückkommen. Wenn aber die Männer zum Ting reiten und alle Leute aus euren Thälern fortgezogen sind, dann mußt Du von Deinem Bette aufstehen und einige Männer aufrufen, um Dir zu folgen. Hast Du Dich dann ganz fertig gemacht, dann geh zu Deinem Bette mit den Männern, welche Dich begleiten sollen. Bei dem Bette Deines Gatten mußt Du dann Zeugen berufen und Dich von ihm geschieden erklären durch gesetzliche Scheidung, so wie sie durch Urtheilsspruch des Altings und Gesetz des Landes durchgeführt werden kann. Dieselben Zeugen sollst Du bei der Thür der Männer in deinem Hause berufen und dann fortreiten. Schlage aber nicht den gewöhnlichen Weg hierher ein, denn man wird nach Dir suchen." Darauf nannte er ihr den Weg, welchen sie nehmen solle. "Reite nur weiter," fuhr er dann fort, "bis Du zu mir kommst, ich werde die Sache in meine Hand nehmen, so daß Du niemals in Deines Gatten Gewalt kommen sollst." Mit diesen Rathschlägen kehrte Unne vom Ting heim. Rut war zurückgekehrt und empfing sie wohl. Sie nahm das gut auf und war freundlich gegen ihn und in diesem Jahr bestand ein gutes Verhältniß zwischen ihnen. Als es aber Frühling wurde, schützte sie Krankheit vor und legte sich zu Bett. Rut fuhr nach den Fjorden im Westen, gebot aber vor seiner Abreise, sie wohl zu pflegen. Als die Zeit erschien, wo man zum Ting auszog, machte sie sich bereit, verfuhr in allen Dingen nach dem Rath ihres Vaters und ritt zum Ting. Man suchte sie wohl, indessen ohne sie zu finden. Mörd nahm sie freundlich auf und fragte sie, wie sie seine Rathschläge befolgt habe. "Ich bin in nichts von ihnen abgewichen," erwiderte sie. Darauf ging sie zum Berg, wo die Gerichtssitzungen gehalten wurden und erklärte sich geschieden von Rut. Die Leute meinten, das sei eine schlechte Sache, die man nimmer erwartet habe; Unne aber zog heim mit ihrem Vater und kam darauf niemals wieder in das Westland.

4

Mörd's Tingstreit mit Rut.

Als Rut heimkam, war seine Frau verschwunden. Wohl runzelten sich seine Brauen bei der Meldung, doch sagte er kein Wort und hielt sich ein ganzes Jahr lang zu Hause, ohne mit jemand darüber zu reden. Den folgenden Sommer ritt er zum Alting, sein Bruder Höskuld mit ihm, und sie führten viel Mannschaft mit sich. Als Rut zum Ting kam, fragte er, ob Mörd Gige dort sei. Man bejahte seine Frage, indessen redete Rut nicht mit ihm über seine Angelegenheit. Eines Tages aber trat Mörd auf den Versammlungsberg hervor, berief seine Zeugen und brachte eine Klage gegen Rut vor. Er habe eine Forderung an ihn, das Gut seiner Tochter betreffend; Rut müsse ihm 270 Mark Silber an baarem Gelde (etwa 3240 Thlr.) und dazu Buße auszahlen, weil er ihm dasselbe so lange vorenthalten habe. Rut erwiderte ihm: "Mehr aus Geiz und Zanksucht bringst Du diese Klage ein, als aus ehrlicher und männlicher Gesinnung. Dem will ich aber auch entgegentreten, denn Du hast noch nicht das Gut, welches sich in meinen Händen befindet, in Deiner Gewalt. So sage ich denn, so daß alle, die sich auf dem Versammlungsberg befinden, des Zeugen sind, daß ich Dich zum Holmgang fordere. Der Einsatz sei das Gut Deiner Tochter und dem setze ich ebensoviel entgegen. Dem Sieger möge das Gut zufallen; willst Du aber nicht mit mir kämpfen, so erlischt jede Forderung deinerseits auf das Gut." Mörd schwieg eine Weile und berieth sich mit seinen Freunden über den Holmgang. Jörund Gode sagte: "Du bedarfst nicht unseres Raths in dieser Sache. Kämpfst Du mit Rut, so weißt Du selbst voraus, daß Du Leben und Gut verlierst. Er hat sich wie ein braver Mann benommen und seine Sache steht günstig. Dazu ist er selbst groß und stark und tapfer wie kein zweiter." Darauf verkündete Mörd laut, daß er nicht mit Rut kämpfen wolle. Da erhob sich ein großes Geschrei und gewaltiger Lärm auf dem Versammlungsberg, und Mörd hatte wenig Ehre davon. Darauf ritten die Männer heimwärts vom Ting. Auf dem Heimwege kehrten die Brüder Höskuld und Rut bei einem Bauer namens Thjostolf ein, um bei ihm zu übernachten. Es war an dem Tage viel Regen gefallen. Die Männer waren durchnäßt und es wurden auf der Mitte der Diele zwischen den beiden Langbänken große Feuer angezündet. Der Hausherr Thjostolf saß zwischen Höskuld und Rut. Auf der Diele aber liefen zwei kleine Knaben umher, welche bei Thjostolf erzogen wurden, und spielten und ein kleines Mädchen spielte mit ihnen. Die Kinder faselten allerlei in kindischem Unverstand. Einer von den Knaben sagte: "Jetzt will ich Mörd sein und Dich zwingen, Dich von Deinem Weibe zu scheiden und ich will das zum Vorwand nehmen, daß Du ihr kein guter Eheherr gewesen bist." "Und ich will Rut sein," entgegnete der andere, "und jegliche Forderung deinerseits auf das Gut für nichtig erklären, falls Du nicht mit mir kämpfen willst." Das wiederholten sie mehrmals, und es erhob sich großes Gelächter darüber unter Thjostolf's Hausgenossen. Höskuld aber wurde zornig und schlug mit einem Stecken nach dem Knaben, welcher sich Mörd nannte; der Stecken traf ihn ins Antlitz und schlug ihn blutig. "Fort mit Dir," rief Höskuld, "und mache uns nicht zum Spott." Rut aber rief den Knaben zu sich und dieser kam. Rut zog einen goldenen Ring vom Finger, gab ihm den und sprach: "Geh' hin und beleidige hernach niemand mehr." "Niemals werde ich Dir vergessen, wie gütig Du gegen mich gewesen bist," sprach der Knabe dankend und lief fort, Rut aber erwarb sich dadurch einen guten Namen. Darauf zogen sie heimwärts in's Westland und damit nahm der Streit zwischen Rut und Mörd ein Ende.

5

Gunnar auf Hlidarende.

Auf dem Südlande von Island gegen Osten finden sich mehrere Berge oder Hochebenen von größerem oder geringerem Umfang, welche so hoch emporragen, daß sie stets von Schnee und Eis bedeckt sind. Von dort fließen zahlreiche Bäche herab, welche sich gegen Westen oder Südwesten wenden. Der südlichste derselben heißt im Binnenlande Markarfluß und fließt anfangs in westlicher Richtung, dann aber theilt er sich, und ein Arm desselben läuft südwärts und behält den alten Namen, der andere Arm aber wird die Querau genannt, welche ihren Lauf gen Westen fortsetzt und auf ihrem Wege die von Norden kommenden beiden Rangauen aufnimmt. Zwischen dem Markarfluß und der Querau einerseits und der Ostrangau andrerseits springt ein Hochland vor, auf dessen Abhängen gegen die Gewässer hin fruchtbares Ackerland sich findet. Da nun ein solcher Bergabhang in der altnordischen Zunge "Hlid" genannt wurde, wie heut zu Tage in Norwegen noch "Li", so hieß der ganze Strich "Fljotshlid" oder "der Bergabhang am Flusse." Auf dem südlichen Theile des Abhangs oberhalb der Querau, nicht weit von der Stelle, wo sie sich vom Markarfluß abzweigt, lag ein Hof, welcher Hlidarende (Ende des Berghangs), genannt wurde. Dort wohnte ein Mann mit Namen Gunnar Hamundsohn, der in dieser Erzählung vielfach erwähnt werden wird. Er war von hohem Wuchs, stark und tüchtig im Waffenhandwerk wie kein anderer, sowohl im Schwert- wie im Speerkampf, besonders aber im Gebrauch des Bogens, denn er verfehlte niemals das erwählte Ziel. Außerdem zeichnete er sich vor allen in Leibesübungen aus, er schwamm wie ein Seehund, kurz in keiner Art von Uebungen, welche dem Manne geziemten, konnte sich jemand mit ihm zu messen wagen und keinen sah man als ihm ebenbürtig an. Er hatte ein freundliches und angenehmes Aeußeres, war blond, hatte helle blaue Augen und eine gerade, etwas aufgeworfene Nase, und sein Haar fiel schwer und voll über die Schultern und hatte eine schöne Farbe. Auch war er von feinen und einnehmenden Sitten, schnell zur That, mildthätig, sanftmüthig und von ruhiger Sinnesart, treu gegen seine Freunde, aber eigen in ihrer Wahl. Dazu war er an Gütern reich gesegnet. Seine Mutter Ranvejg war eine Brudertochter von Mörd Gige, so daß Unne Mördstochter seine Base war. An ihn wandte sich diese denn auch, als sie der Hilfe bedurfte. Denn kurze Zeit, nachdem Mörd seine Sache gegen Rut verloren hatte, wurde er krank und starb. Seine Tochter Unne war noch nicht wieder verheiratet und die einzige Erbin ihres Vaters. Sie aber war verschwenderisch und nicht umsichtig in der Verwaltung ihres Gutes, und das baare Geld schwand ihr unter den Händen dahin, so daß sie endlich nichts besaß, als ihr Land und das Vieh. Daher machte sie sich auf den Weg zu ihrem Vetter Gunnar auf Hlidarende. Dieser empfing sie freundlich und sie blieb dort über Nacht. Am folgenden Tage saßen sie vor dem Hause im ernsten Gespräch und Unne klagte ihm ihre Noth, daß sie des Geldes sehr bedürftig sei. "Ich will Dir von meinen Zinsen lassen, so viel Du brauchst," sagte er. "Von Deinem Gelde will ich nicht zehren," erwiderte sie. "Wie willst Du es denn gehalten haben?" fragte er. Sie entgegnete: "Ich will, daß Du Rut wegen meines Gutes belangst." "Es sind keine Aussichten vorhanden, daß ich Erfolg haben werde," sprach er, "da Dein Vater die Forderung nicht durchsetzen konnte, wiewohl er ein gesetzeskundiger Mann war; ich aber kenne nur wenig vom Gesetz." Denn in Bezug auf die Rechtspflege hatte Island die Eigenthümlichkeit, daß das Gesetz eine Menge von Bestimmungen darüber enthielt, wie man bei der Anhängigmachung und der Durchführung einer Sache auf dem Ting vorzugehen habe. Derjenige, welcher auch nur von einer dieser Bestimmungen abwich, gab sich dadurch seinem Gegner gegenüber sofort eine Blöße, so daß er seine Sache verlor. Nun aber war es ein schwieriges Ding, alle Bestimmungen des Gesetzes für jede Art von Klagen zu kennen, zumal da die Isländer noch nicht das ganze Gesetz gesammelt und niedergeschrieben hatten, wie es später in dem Gesetzbuch geschah, welches "Graagaasen" (die graue Gans) hieß. Auf Gunnar's Einwendung antwortete Unne: "Mehr durch Gewalt und Trotz, als durch Gesetz und Recht gewann Rut die Sache, und ich habe keinen Vetter, der die Sache übernehmen mag, falls Dir dazu der Muth fehlt." "Nicht der Muth mangelt mir," sprach Gunnar, "aber ich weiß nicht, wie ich es anzufangen habe." "Dann fahre Du zu Nial auf Bergthorshvol und rede mit ihm," versetzte sie, "er wird Dir guten Rath geben können, zumal er Dein Freund ist." "Allerdings," erwiderte Gunnar, "er pflegt mir guten Rath zu geben wie auch jedem anderen." So übernahm Gunnar denn schließlich ihre Sache und gab ihr Geld für den Haushalt und die Wirthschaft, soviel sie bedurfte, worauf sie heimkehrte.

6

Nial Thorgejrsohn.

Zwischen der Querau, dem südlichen Arm des oben genannten Markarflusses und dem Meere befindet sich ein dreieckiges Stück Land, welches wiederum durch einen dritten Arm des Markarflusses, der mitten hindurch strömt, getheilt wird. Die dadurch gebildeten Inseln heißen die Küsteninseln. Auf der einen von ihnen, zur linken Seite des Gewässers, das sie bildet, gerade an der Mündung lag Bergthorshvol. Nial Thorgejrsohn, welcher dort wohnte, war reich an Gut, mild und von edler Sinnesart; er war so gesetzeskundig, daß er darin seinesgleichen nicht fand, dazu klug und besaß die Gabe des zweiten Gesichts; er gab gute Rathschläge und gab sie gern, und was er vorschlug, nahm ein gutes Ende. Von Aussehen war er freundlich, aber eins fehlte ihm und das war damals kein geringes Ding für einen Mann: er hatte keinen Bart. Zu ihm eilte Gunnar, nachdem Unne heimgereist war. Nial empfing ihn wohl, und alsbald gingen sie abseits, um sich zu bereden. Gunnar sprach: "Heilrath zu suchen, kam ich zu Dir." Nial entgegnete: "Viele Freunde habe ich zwar, die solches von mir erwarten mögen, niemand aber mehr wie Du." Gunnar brachte nun sein Anliegen vor, worauf Nial meinte, es sei eine schwierige Sache. "Und gefahrvoll ist sie," fuhr er fort, "wie Du sie auch anfassest; indessen will ich Dir Rathschläge geben, wie sie mir die besten zu sein scheinen; dann wirst Du auch Erfolg haben, falls Du in nichts von ihnen abweichst; thust Du es aber, dann droht Deinem Leben Gefahr." Gunnar versprach nun dem Rathe Nial's zu folgen, dieser aber schwieg eine Weile, dann sprach er: "Jetzt habe ich mir das Ding überlegt und es wird Dir gelingen. Morgen in der Frühe mußt Du von Hause fortreiten und zwei Männer mit Dir nehmen; jeder von Euch muß zwei Pferde, ein fettes und ein mageres mit sich führen. Du aber mußt als Ueberkleid einen groben Reisemantel tragen, darunter einen rothbraunen Vadmalsrock und zu unterst Deine eignen feinen Kleider. Eine Handaxt sollst Du mit Dir führen und einige Schmiedewaaren. Alsdann reitest Du westwärts, und wenn Du eine Weile geritten bist, ziehst Du Deinen Hut über die Augenbrauen. Die Leute werden fragen, wer der große Mann ist. Deine Begleiter müssen antworten: Es ist Hedin, der Kaufmann, vom Inselfjord, welcher mit Schmiedewaaren reist. Er ist ein arger und böswilliger Mann, ein Prahler und Schreier, der alles am besten zu wissen glaubt und stets die Leute anfällt, wenn sie nicht thun, wie er will. Du mußt Deine Waaren feilbieten, jedoch stets den Kauf wieder rückgängig machen, stets das große Wort führen und Streit und Zank suchen. Dann reite nach dem Borgefjord und von da nordwärts, bis Du ins Laxauthal kommst. Auf Höskuldstad bleibe über Nacht, allein Du findest keine gute Aufnahme daselbst. Am folgenden Morgen ziehst Du fort und reitest nach dem Hofe, der Rutstad benachbart ist. Dort mußt Du Deine Waaren feil bieten, jedoch das Schlechteste hervorsuchen und die Fehler aushämmern. Der Bauer wird die Fehler schon finden, dann aber mußt Du ihm die Sachen entreißen und ihn arg schelten. Er sagt dann, man könne von Dir nicht mehr erwarten, Du aber fällst sogleich über ihn her; schone jedoch Deine Kräfte, damit man Dich nicht erkennt. Man wird nach Rut senden, damit er euch auseinander bringe. Rut wird Dich zu sich einladen und Du wirst wohl empfangen werden. Er wird Dich im Gespräch über die Leute im ganzen Lande ausfragen. Ueberall mußt Du dieselben verspotten und ihnen Uebles nachreden. Zuletzt wird er mit Dir über Rangauvalle reden. Dort, mußt Du sagen, findet man am wenigsten Männer, seitdem Mörd Gige todt ist; diesen aber mußt Du besonders erheben, auch magst Du ein Lied singen, woran Rut seine Freude haben kann, denn Du bist ja, wie ich weiß, ein Skjald. Er wird über seine Sache mit Mörd zu Dir sprechen und Dich fragen, ob Du sie kennst. Ungefähr, antworte Du ihm und zeige Dich nicht fremd darin. Dann sagt er, es sei nur Dummheit von Mörd gewesen, die Sache auf dem folgenden Alting nicht wieder aufzunehmen, denn er hätte es frei thun können, falls er den Muth dazu gehabt. Du magst nun andeuten, daß Du es wohl wissest. Daraufhin wird er fragen, ob Du gesetzeskundig seiest. Dann antwortest Du: "Zu Hause im Nordlande glaubt man es von mir; indessen könntest Du mir wohl sagen, wie Mörd die Sache wieder hätte aufnehmen sollen, nicht weil es mich besonders angeht, sondern weil es überhaupt nicht schaden kann, es zu wissen." Er wird Dir erklären, wie man die Ladung aufnehmen soll; aus freiem Antrieb sagt er Dir die Ladungsworte und Du mußt auf jedes Wort genau acht geben. Schließlich fordert er Dich gewiß auf, die Worte ihm nachzusprechen, wie man zu thun pflegt, wenn man jemandem etwas beibringen will. Geh darauf ein, sprich jedoch die Ladung falsch aus, so daß Rut darüber lacht und keinen Argwohn faßt. Er wird die Worte wiederholen und Du mußt sie nachsprechen, aber diesmal richtig. Endlich mußt Du Deine Begleiter zu Zeugen berufen, daß Du ihn um der von Unne Mördstochter Dir aufgetragenen Sache willen geladen habest. Auf diese Weise hast Du es dann erreicht, ihn zu laden, ohne daß er die Ladung niederzuschlagen vermag oder einen Einwand dagegen vorbringen kann, dieweil er selbst Dir gesagt hat, wie es sein soll. Wenn alle Männer aber in tiefem Schlafe liegen, nimm Du mit Deinen Begleitern ganz in der Stille Euren Zaum und Euer Sattelzeug, schleicht Euch hinaus und reitet auf den fetten Pferden fort, während Ihr die anderen Pferde zurücklaßt. Ueber die Weiden müßt Ihr auf die Berge hinaufreiten und drei Nächte lang dort oben bleiben, denn so lange wird man Euch suchen. Dann reitet Ihr heimwärts, aber nur in der Nacht, während Ihr am Tage stille liegt. Zum Sommer aber wollen wir zum Ting reiten und Euch die Sache durchführen helfen." Gunnar dankte Nial für diesen Rath und ritt heim.

7

Gunnar's Tingstreit mit Rut.

Gunnar folgte dem Rathe, den Nial ihm gegeben hatte. Er ritt mit seinen Geleitsmannen in dem Aufzug, wie Nial vorgeschlagen hatte, fort. Ihnen begegneten einige Männer, welche fragten, wer der große Mann sei, von dem man so wenig sehen könne. Auf die Antwort, es sei Hedin der Kaufmann vom Inselfjord, meinten sie, jetzt könne ihnen nichts Schlimmeres mehr begegnen, seit sie solchen Mann hinter sich hätten. Ueberall trat Gunnar in der ihm von Nial vorgeschriebenen Weise auf, so daß die Leute meinten, das Gerücht habe von Hedin dem Kaufmann nicht zu viel gesagt. Auf Höskuldstad befahl Höskuld seinen Dienstmannen, sie sollten sich mit Hedin nicht einlassen. Auf dem Nachbarhofe von Rutstad gerieth er sogleich mit dem Bauern in Streit. Man ließ Rut holen und Gunnar wurde eingeladen, nach Rutstad zu kommen. Hier fand er gute Aufnahme und einen Platz auf dem Hochsitz auf der niederen Langbank, wo man den Gast sich niederlassen hieß, Rut gegenüber. Das Gespräch kam in Gang und nahm ganz den Verlauf, den Nial vorausgesagt hatte. Zuletzt sprach Rut Gunnar die Ladungsworte vor und dieser sprach sie ihm nach, aber unrichtig. Beim zweiten Male sprach er sie richtig. "Ist es so recht?" fragte er Rut. "Allerdings," entgegnete Rut, "die Ladung kann nicht niedergeschlagen werden." "Dann lade ich Dich um der von Unne Mördstochters mir anvertrauten Sache willen," sprach Gunnar so laut, daß seine Begleiter es hörten; Rut aber faßte keinen Argwohn. Schließlich ging man schlafen. In derselben Nacht erwachte Höskuld auf Höskuldstad, weckte alle seine Hausgenossen und sagte: "Ich will Euch einen Traum erzählen, den ich gehabt habe. Mir schien, ich sah einen großen Bären aus meinem Hofe hinausgehen; zwei Junge folgten ihm, sie wandten sich nach Rutstad und gingen dort hinein. Nun frage ich Euch, ob Ihr an jenem großen Mann, der gestern Abend unser Gast war, etwas Besonderes gesehen habt." Ein Mann antwortete, er habe einen Goldschmuck und ein Stückchen rothes Tuch unter dem Aermel des Mannes hervorlugen sehen; außerdem habe derselbe einen goldenen Ring am Finger getragen. "Dann war der Bär Gunnar von Hlidarende's Schutzgeist!" rief Höskuld; denn die heidnischen Nordländer glaubten, jeder Mann habe seinen Schutzgeist, der in Gestalt eines Thieres vor ihm hergehe oder ihm nachfolge. "Jetzt auf nach Rutstad," befahl Höskuld. Sie weckten Rut. "Sind Gäste hier?" fragte Höskuld. "Ja, Hedin, der Kaufmann," erwiderte Rut. "Nein, ein besserer Mann als der," sagte Höskuld, "es ist Gunnar von Hlidarende." "Dann hat er mich in Schlauheit und List überboten," versetzte Rut. "Wie das?" fragte Höskuld. Rut sprach: "Ich habe ihn belehrt, wie er die Sache aufnehmen solle; ich lud mich selbst und er sprach mir nach; so hat er denn die ganze Sache so angelegt, wie sie aufrecht erhalten werden kann." "Das war nicht Gunnar's Anschlag allein," meinte Höskuld, "Nial von Bergthorshvol hat ihn ausgeklügelt." Sie suchten nun Hedin den Kaufmann, allein er war fort. Sie sammelten Mannschaft und durchsuchten die ganze Gegend während drei Tagen, ohne ihn zu finden. Darnach ritt Gunnar von den Bergen hinab südwärts, bis er zu Hause anlangte. Als die Altingszeit herankam, ritt Gunnar zum Ting, wie auch Rut und Höskuld mit großem Gefolge dahin zogen. Sie gedachten Gunnar anzufallen, allein sie getrauten sich dessen schließlich doch nicht. Als der Gerichtshof eingesetzt war, machte Gunnar die Sache anhängig, wie solches im Gesetze vorgeschrieben war, mit Zeugenverhör und Eidesleistung, und zuletzt hieß er Rut die Einwände nennen, die er zu seinen Gunsten machen könne. Rut erwähnte nicht, ob er schuldig sei, die Mitgift zurückzuzahlen oder nicht, er wandte aber ein, daß mit den von Gunnar gestellten Zeugen ein Fehler gemacht sei, so daß die Klage nicht vorgebracht werden könne. Allein Nial war zum Gericht gekommen und sagte, Gunnar werde seine Sache leicht gewinnen, falls er sie vor dem Gericht durchführen wolle. "Keineswegs will ich das," versetzte Gunnar, "aber ich will Rut dieselbe Wahl lassen, die er meinem Vetter Mörd ließ. Sind die Brüder Höskuld und Rut so nahe, daß sie mein Wort vernehmen können?" "Wir vernehmen es," erwiderte Rut, "was willst Du von uns?" Gunnar rief laut: "Alle, welche hier zugegen sind, mögen des Zeugen sein, daß ich Dich zum Holmgang herausfordere, Rut. Wir werden heute noch auf dem Holm in der Öxarau kämpfen. Willst Du aber nicht mit mir kämpfen, dann händige sogleich heute alles Gut aus." Darauf verließ er das Gericht mit seinem Gefolge, und auch Höskuld und Rut gingen nach Hause; die Sache aber wurde nicht weiter verfolgt und auch kein Einwand gegen sie erhoben. "Niemals zuvor habe ich mich einem Holmgang entzogen, zu dem ein Mann mich herausgefordert hat," sagte Rut, als er in seine Hütte eingetreten war. "Du darfst aber nicht mit Gunnar kämpfen, wenn ich Dir rathen soll," antwortete Höskuld, "denn Du kannst ihn ebensowenig bestehen, wie Mörd Dich. Lieber mögen wir beide das Gut an Gunnar aushändigen." Rut nahm diesen Rath an. Die Brüder fragten ihre Bauern, wie viel sie zuzahlen würden, und diese versprachen, so viel beizutragen, als Rut wünsche. Beide gingen sogleich nach Gunnar's Hütte. Er empfing sie in der Thür und sie legten das Geld in seine Hand. "Genieße es, wie Du es gewonnen hast," sprach Höskuld. "Ohne Trug gewann ich es und ohne Furcht empfange ich es," versetzte Gunnar. "Aerger wäre es gewesen, wenn wir um des Weibes willen dem Wolfe Blut zu lecken gegeben hätten." "Uebel wird es Dir gelohnt werden," sagte Rut zu Gunnar. "Mag es gehen, wie es will," antwortete dieser. Darauf ging Höskuld mit seinem Gefolge nach seiner Hütte zurück. Er war furchtbar zornig. "Ob wohl niemals Rache über Gunnar kommen wird wegen seines unbilligen Verfahrens gegen uns?" wandte er sich an Rut. "Sicherlich," entgegnete dieser, "aber wir werden weder Freude noch Vortheil davon haben. Es ahnt mir, daß er einst genöthigt sein wird, Freundschaft mit unserem Geschlecht zu suchen." Nachher redeten sie nicht mehr über die Sache. Gunnar zeigte Nial das Geld. "Das ging vortrefflich," sagte Nial. "Du warst es, der die Sache förderte," erwiderte Gunnar. Hernach ritt man heimwärts vom Ting. Gunnar brachte Unne alles Geld und wollte selbst nichts davon annehmen. "Nun aber meine ich," sagte er, "daß ich in Zukunft mehr Hülfe und Beistand von Dir und Deiner Sippe fordern darf, als von anderen Männern," worin sie ihm Recht gab. Gunnar aber hatte durch Hinausführung dieser Sache überall große Ehre gewonnen.

8

Gunnar's Fahrt nach Norwegen.

Eines Sommers kam ein Schiff nach Island und landete an der Südküste in der Nähe von Hlidarende. Der Steuermann war Halvard Hvide (der Weiße) von der Bucht. Er hielt sich während des Winters bei Gunnar auf Hlidarende auf und redete ihm oft zu, er solle doch nach Norwegen fahren. Gunnar antwortete nicht viel darauf, indessen meinte er, es sei nicht unmöglich, daß er es thäte. Im Frühjahr ritt er nach Bergthorshvol, um bei Nial sich Rath zu holen. "Du mußt reisen," sagte dieser; "wohin Du auch kommen magst, überall wird man Dich für einen Ehrenmann halten." Dabei versprach Nial, während seiner Abwesenheit Gunnars Gut in Obacht zu nehmen und seiner Mutter beim Betriebe des Hofes zur Hand zu gehen. Gunnar dankte ihm und ritt heim. Halvard redete ihm wiederum zu, er möge abreisen, worauf Gunnar ihn fragte, ob er in diesem Falle auch mit ihm nach dem Ostlande fahren wolle. Halvard sagte zu, denn er habe selbst schon alle Länder besucht zwischen Norwegen und Garderige. Die Nordländer verstanden nämlich unter dem Namen Ostland alle Länder längs der östlichen und südöstlichen Küste der Ostsee, und Garderige gehörte dazu, denn es war der Name des heutigen Rußlands. Darauf hin beschloß Gunnar die Reise und nahm seinen Bruder Kulskjäg (Schwarzbart) mit, einen großen starken Mann, brav, muthig und unerschrocken. Sie fuhren also mit Halvard nach Norwegen. Den folgenden Winter brachten sie in Tönsberg, oder, wie es damals hieß, in Tunsberg zu. "Hast Du ein Langschiff?" fragte Gunnar Halvard einmal. "Zwei habe ich," antwortete dieser. "So laßt uns Heerzüge machen," sagte Gunnar, "und Mannschaft sammeln, die mit uns fährt." Sie fanden ohne Mühe tüchtige Mannschaft, denn ruhmvoll war schon der Name Gunnars. Als alles bereit war, fuhren sie mit beiden Schiffen nach der Insel Hisingen in der Mündung der Götaelv, denn dort hatte Halvard einen Vetter Namens Ölve und bei diesem wollten sie Hilfe suchen für ihre Fahrt. Ölve nahm sie freundlich auf und als er hörte, daß sie Heerzüge machen wollten, um sich Gut zu sammeln, meinte er, sie seien nicht stark genug dazu. "Eure Stärke will ich mehren," sagte er, "aber obwohl Du, Halvard, solches von mir erwarten kannst um unsrer Vetterschaft willen, so setze ich doch mehr Hoffnung auf Gunnar. Ich will euch zwei Langschiffe mitgeben, eins von zwanzig und eins von dreißig Ruderbänken; das eine will ich mit meinen Dienstmannen, das andre mit Bauern bemannen. Ich weiß aber nicht, ob ihr aus dem Flusse werdet herauskommen können, denn ich habe erfahren, daß in der Mündung zwei Brüder, namens Vandel und Karle, mit ihren Schiffen liegen." Sie machten sich bereit und fuhren ab, Gunnar und Kulskjäg zusammen auf einem Schiff, Halvard auf dem anderen. Bald sahen sie die Vikingerschiffe. Gunnar sagte: "Wir wollen uns schlachtfertig halten, falls sie gegen uns andringen; im andren Fall wollen wir nicht mit ihnen anbinden." Die Vikinger trennten ihre Schiffe, so daß eine Durchfahrt zwischen denselben entstand. Diese suchte Gunnar zu gewinnen. Als er an Vandels Schiff nahe vorüberschoß, warf dieser einen Haken hinüber auf sein Schiff und zog es an sich, während zu gleicher Zeit Karle mit seinem Schiff sich an die andre Seite desselben legte. Gunnar führte ein gutes Schwert, welches ihm Ölve gegeben, hatte aber seinen Helm nicht aufgesetzt. Sogleich sprang er hinüber auf das Vorderdeck von Vandel's Schiff und schlug einem Manne die Todeswunde. In demselben Augenblick schleuderte Karle einen Speer nach Gunnar's Leib quer über sein Schiff hinweg. Aber Gunnar sah ihn kommen, wandte sich so rasch, daß niemand seinen Bewegungen zu folgen vermochte, erfaßte mit der Linken Karle's Speer im Fluge und warf ihn zurück, so daß der Mann, auf den er zielte, tödlich getroffen dahin sank. Kulskjäg ergriff nun einen Anker und stürzte ihn hinüber in Karle's Schiff und der Ankerhaken traf den Schiffbord und zerbrach ihn, so daß die dunkle See sich hinein ergoß und alle Mannen sich auf das andre Schiff hinüber retten mußten. Inzwischen sprang Gunnar zurück auf sein eignes Schiff, und als seine Mannschaft sah, wie unerschrocken er kämpfte, that jeder, was in seinen Kräften stand. Halvard kam nun auch herbei und es entspann sich ein heftiger Kampf. Gunnar brauchte Schwert und Speer, bald schlug, bald schleuderte er und viele verloren das Leben durch seine Hand, Kulskjäg aber folgte ihm treulich. Sie sprangen beide zuletzt hinüber auf Vandel's Schiff, wohin auch Karle gekommen war, und als nun Gunnar längs dem einen und Kulskjäg längs dem andren Bord vordrang, wandte sich Vandel gegen Gunnar und Karle gegen Kulskjäg. Vandel hieb nach Gunnar, aber das Schwert traf seinen Schild und blieb darin haften. Gunnar drehte den Schild so gewaltsam, daß das Schwert am Heft brach; darauf erhob er sein Schwert zum Schlag gegen Vandel und schwang es so rasch, daß drei Schwerter auf einmal in der Luft zu sein schienen und Vandel nicht wußte, gegen welches er sich decken solle. Als aber der Hieb saß, schlug er ihm beide Beine ab, so daß er hinfiel und starb. In demselben Augenblick stieß Kulskjäg Karle seinen Speer durch die Brust, so daß auch er den Tod fand. So gewannen sie den Sieg und große Beute. Darauf fuhren sie südwärts nach Dänemark und von dort ostwärts nach Smaaland (in Schweden) und waren überall siegreich.

9

Gunnar im Ostlande.

Gunnar und Kulskjäg blieben während des Winters mit ihrem Gefolge auf der See. Im folgenden Sommer steuerten sie nach Reval; dort begegneten sie einigen Vikingern, ließen sich sogleich auf einen Kampf mit ihnen ein und gewannen den Sieg. Darnach steuerten sie ostwärts nach Ösyssel oder Ösel, wie es heut zu Tage heißt, und lagen dort eine Zeit lang unter einer Landspitze. Eines Tages sah Gunnar einen Mann von der Höhe der Landspitze herabkommen. Er ging sofort ans Land, um ihn zu treffen, redete ihn an und fragte nach seinem Namen und dieser antwortete, er hieße Tofe. "Was ist Dein Begehr?" fragte Gunnar. Tofe sprach: "Ich suche Dich. Denn ich will Dir ansagen, daß einige Heerschiffe unter der Landspitze an der andren Seite liegen. Zwei Brüder sind die Befehlshaber. Der eine nennt sich Halgrim, der andre Kulskjäg; sie sind beide gewaltige Streiter und haben so treffliche Waffen, daß ihresgleichen nicht zu finden ist. Halgrim hat eine Hellebarde, (Atgejr: so nannte man eine Waffe, die aus einer an einem Speer unterhalb der Spitze befestigten Axt bestand) die hat er durch Zauberkunst besprechen lassen, so daß keine andre Waffe ihm je den Tod bringt; außerdem hat sie noch die Eigenschaft, daß man alsbald merkt, wenn eine Todeswunde geschlagen werden soll, denn dann klingt sie weithin vernehmbar. Kulskjäg aber hat ein kurzes Schwert (eine Sax nannte man es) und auch dies ist eine herrliche Waffe. Ein Drittheil mehr Mannschaft haben sie als ihr. Schon spähten sie aus, daß ihr hier ankert und rüsten sich jetzt, euch anzufallen. Drum müßt ihr entweder gleich die Anker lichten oder ihr rüstet gleichfalls, sobald es geschehen kann. Gewinnt ihr den Sieg, so will ich Euch ihr Gut zeigen, denn vieles liegt auf dem Lande verborgen. Ich aber weiß, wo es liegt." Gunnar schenkte Tofe einen Goldring für die Botschaft, dann ging er zu seinen Mannen, erzählte das Gehörte und hieß sie sich alle zum Kampfe rüsten. Kaum waren sie fertig, so sahen sie die Schiffe in schneller Fahrt auf sich zukommen. Bald hob auch der Kampf an und dauerte lange, es sank mancher Mann dahin, doch die meisten schlug Gunnar's Hand. Mit seiner Mannschaft sprang Halgrim hinüber auf Gunnar's Schiff und dieser wandte sich wider ihn. Mit seiner Hellebarde stach Halgrim nach ihm. Doch dabei kam Gunnar die Sprungfertigkeit zu statten, die er besaß; denn im vollen Waffenkleide konnte er höher springen, als er selbst war und eben so weit vorwärts wie rückwärts. Nun sprang er rückwärts über einen Balken, der quer über das Schiff lag, doch hielt er den Schild vor den Balken hin. Den Schild traf Halgrim, die Hellebarde durchbohrte ihn und drang tief in den Balken. Sogleich beugte sich Gunnar weit vornüber und hieb Halgrim über die Hand. Doch schnitt das Schwert nicht, das machte der Zauber; lahm aber wurde Halgrim's Hand, sie ließ die Hellebarde und diese fiel auf den Boden. Flugs faßte sie Gunnar und durchstieß Halgrim, und darauf sang er ein Lied, worin er gelobte, er selbst wolle sie führen sein Leben lang. Inzwischen waren die beiden Kulskjäge zusammengerathen und lange schwankte der Sieg zwischen ihnen. Da kam Gunnar heran und schlug dem anderen Kulskjäg die Todeswunde. So waren die fremden Vikinger ohne Häuptling, darum baten sie um Frieden. Den gestand Gunnar ihnen zu und er hieß sie ihre Waffen und Kleider behalten und zurückfahren nach ihrem Heimatland; das übrige Gut aber nahm er an sich nebst dem Eigenthum der todten Männer. Nach dem Kampfe kam Tofe und bot ihm an, ihn zu dem Gute zu führen, das die Vikinger verborgen hatten; er sagte, es sei mehr und besser als das, was sie bisher gewonnen. Gunnar ging daher mit ihm nach einem Walde hinauf und hier führte ihn Tofe an eine Stelle, wo ein großer Haufen Reisholz lag. Sie schleppten das Reisholz bei Seite und fanden darunter sowohl Gold als auch Silber, Kleider und gute Waffen, und dies trugen sie zu den Schiffen hinab. Gunnar fragte nun Tofe, wie er ihm es lohnen solle. Dieser antwortete: "Von Geburt bin ich ein dänischer Mann, aber gefangen wurde ich von den Vikingern, die mich hier auf Ösyssel an's Land setzten; hier habe ich bisher freudlos und freundlos geweilt; nun will ich Dich bitten, mich zurückzubringen zu meiner Sippe." Das versprach ihm Gunnar und nahm ihn mit sich.

10

Gunnar's Heimfahrt.

Nach dem Siege bei Ösyssel fuhr Gunnar mit Kulskjäg und Halvard nach Dänemark. Er besaß nunmehr zehn Schiffe und viel Gut. Er steuerte hinein nach Hedeby in Dänemark, welches jetzt Schleswig heißt, und ging dort an Land. Damals waltete König Harald Gormsohn über das Reich Dänemark und hielt sich gerade dort im Lande auf. Man erzählte ihm von Gunnar und rühmte ihn als einen so trefflichen Mann, daß er seinesgleichen nicht auf Island fände. Da sandte König Harald einen Boten zu Gunnar und lud ihn zu sich. Gunnar nahm die Einladung an, Harald nahm ihn sehr ehrenvoll auf und ließ ihm einen Sitz neben sich bereiten. Am Königshofe blieb Gunnar einen halben Monat. Der König hatte seine Freude daran, Gunnar in verschiedenen Waffenübungen mit seinen Mannen sich versuchen zu lassen. Aber es fand sich keiner, der es ihm gleichthun mochte in irgend einer Leibesübung. "Nach deinesgleichen wird man lange suchen müssen," sagte der König zu ihm und bot ihm an, er wolle ihm zu einer vortheilhaften Heirat und zur Stellung eines mächtigen Häuptlings verhelfen, falls er in seinem Reiche sich niederlassen wolle. Allein Gunnar dankte dem Könige für das Anerbieten und sagte, er wolle vor der Hand erst nach Island zurückfahren zu seinen Freunden und Vettern. "Dann wirst Du niemals zu uns zurückkehren," sagte der König. "Das mag das Geschick bestimmen," antwortete Gunnar, und beim Abschied gab er dem König ein gutes Langschiff und viel Gut. Der König aber schenkte ihm ein Prachtgewand, ein Paar goldumsäumte Handschuhe, ein Stirnband mit goldenem Aufsatz und einen gerdischen oder russischen Hut. Darnach fuhr Gunnar nordwärts nach Hisingen, wo Ölve ihn mit offenen Armen empfing. Gunnar stellte ihm seine beiden Schiffe zurück und sagte, ihr Inhalt sei der Antheil, der ihm zukomme. Ölve nahm das Gut an, pries Gunnar ob seiner offenen Hand und bat ihn, einige Zeit bei ihm zu weilen. Doch auf Halvard's Anrathen beschloß Gunnar nach Drontheim zu fahren und Hakon Jarl zu besuchen, der nunmehr über Norwegen regierte. Auch hier wurde er ehrenvoll empfangen und der Jarl bot ihm an, den Winter über bei ihm zu bleiben; Gunnar nahm es an, denn er war wohlgelitten von allen, und beim Julfest empfing er einen Goldring vom Jarl. Gunnar faßte Zuneigung zu Bergliot, einer Nichte des Jarl's, und es war diesem leicht anzumerken, daß er sie ihm gegeben hätte, wenn er nur ein Wort darüber hätte fallen lassen. Als der Frühling nahte, fragte der Jarl Gunnar, was er jetzt vorhabe, und Gunnar erwiderte, er wolle nunmehr nach Island fahren. "Mißwachs haben wir hier im Lande gehabt," sagte der Jarl, "und es wird darum die Ausfuhr nach Island nur gering sein, doch will ich Dir trotzdem Mehl und Holz mit auf's Schiff geben." In kurzer Frist machte Gunnar sein Schiff segelklar. Halvard und Kulskjäg schlossen sich ihm an, und sie erreichten das Land im Frühsommer. Gunnar selbst ritt vom Schiffe heimwärts und sandte Männer hin, um es zu löschen. Alle empfingen die Brüder voll Freude, diese waren aber auch sanft, mild und freundlich gegen ihre Hausgenossen und gar nicht hochmüthig ob ihrer Fahrt. Gunnar fragte, ob Nial zu Hause sei, und als ihm die Frage bejaht wurde, ließ er sein Pferd vorführen und ritt von Kulskjäg begleitet nach Bergthorshvol. Hocherfreut wurde Nial, als er sie sah und bat sie, die Nacht über zu bleiben; Gunnar erzählte nun von seinen Fahrten. "Du bist ein trefflicher Mann," sprach Nial zu ihm, "und hast viele Prüfungen und Kämpfe bestanden, doch wirst Du deren noch mehr erfahren, denn viele Neider werden Dir erstehen." "Gern möchte ich doch mit allen auf gutem Fuß stehen," meinte Gunnar. "Kaum mag Dir das gelingen," sprach Nial, "und Du wirst oft für Dein Leben kämpfen müssen." "Mag es so kommen, wenn es nur für eine gute Sache ist," erwiderte Gunnar. "Die wird Dir nicht fehlen," versetzte Nial, "wenn Du nur nicht für andere entgelten mußt." Nial fragte Gunnar, ob er zum Alting zu reiten gedenke, denn dieses war nicht mehr fern. Gunnar bejahte es und fragte hingegen, ob Nial es auch beabsichtige. "Keineswegs," entgegnete dieser, "und gern sähe ich, daß Du Dich ebenfalls fern hieltest." Gunnar ritt heim und beim Abschied schenkte er Nial reiche Gaben und dankte ihm für die Aufsicht über seinen Hof und sein Gut. Kulskjäg redete Gunnar eifrig zu, zum Ting zu reiten. "Dein Ansehen wird dadurch wachsen," sagte er, "denn viele werden kommen und Dich begrüßen." "Nicht steht mein Sinn dahin, mich selbst zur Schau zu stellen," entgegnete Gunnar, "doch scheint es mir gut, mit braven Männern zusammenzutreffen." Halvard war nun auch gekommen und erbot sich, sie zum Ting zu geleiten, und so ritt denn Gunnar aus und alle anderen mit ihm. Als sie zum Ting kamen, waren sie so gut gekleidet und gerüstet, daß niemand ihnen gleichkam, und aus jeder Hütte, an der sie vorbeikamen, liefen die Bewohner hervor, um sie zu bewundern. Gunnar ritt nach dem Platze, wo die Anwohner des Rangau ihre Hütten hatten und nahm dort Aufenthalt mit seiner Sippe. Viele Männer erschienen, um sich mit ihm zu unterreden und Zeitung zu erfragen. Er war heiter und freundlich gegen alle und sagte ihnen, was sie wünschten.

11

Halgjerde's Kindheit.

Die Erzählung greift nun wiederum in die Vergangenheit zurück. Höskuld Dalekolsohn auf Höskuldstad im Laxauthal hatte eine Tochter namens Halgjerde. Schon als Kind war sie hochgewachsen und schön von Angesicht, ihr Haar war so fein wie Seide und so lang und schwer, daß es ihr bis zum Gürtel herabwallte. Einst geschah es, daß Höskuld seine Freunde zum Mahle bei sich versammelt hatte; sein Halbbruder Rut Herjulfsohn war dabei und saß ihm zur Seite. Halgjerde spielte auf der Diele mit einigen anderen Mädchen. "Komm' zu mir her," sagte Höskuld zu ihr, und sie kam sogleich. Er faßte sie unter das Kinn und küßte sie, worauf sie wieder fortlief. "Was dünkt Dich über das Mägdlein," wandte sich Höskuld an Rut, "ist es nicht ein liebliches Kind?" Rut schwieg und Höskuld wiederholte seine Frage. Da antwortete Rut: "Sehr schön ist sie, und mancher wird dafür büßen müssen. Aber ich kann mir nicht erklären, woher die Diebsaugen in unser Geschlecht gekommen sind." Da zürnte Höskuld und es verging geraume Weile, ehe sich wieder ein gutes Verhältniß zwischen den Brüdern anbahnte.

12

Halgjerde's Heirat mit Thorvald Osvifsohn.

Als Halgjerde heranwuchs, wurde sie ein sehr schönes Weib; sie war hochgewachsen, weshalb sie den Spitznamen die Lange erhielt; ihr Haar war prächtig und so schwer, daß sie sich ganz darein zu hüllen vermochte. Sie war freigebig und verstand es gut, jedermann für sich zu gewinnen; dabei war sie aber eigensinnig und trotzköpfig und vergaß nicht leicht Beleidigungen. Auch wurde ihre Sinnesart nicht besser dadurch, daß sie oft bei einem Manne namens Thjostolf sich Rath einholte. Dieser war ein starker Mann und waffenkundig, doch hartherzig und eigensinnig, und hatte viele Männer getödtet, ohne je dafür Buße bezahlt zu haben. Er hatte Halgjerde in ihrer Kindheit erzogen und seitdem pflegte sie sich zu ihm zu halten. -- Westlich von Höskuldstad, nach dem Strande zu, wohnte ein reicher Bauer, Thorvald geheißen; er war ein starker Mann, von feinen Sitten, aber etwas heftiger Sinnesart. Sein Vater Osvif redete ihm einst zu, er möge sich eine Frau suchen, und Thorvald war nicht abgeneigt. Als sie sich aber auch beredeten, welche Frau am besten passen möchte, konnten sie lange kein Mädchen finden, das ihnen gefiel. Zuletzt kamen sie auf die lange Halgjerde. "Sie will ich zu gewinnen suchen," meinte Thorvald. "Das taugt nichts," erwiderte Osvif, "denn sie ist heftig und Du bist hart und eigensinnig." "Dennoch lasse ich mich von meinem Vorhaben nicht abbringen," sagte Thorvald, "es bleibt bei dem, was ich beschlossen habe." "Meinetwegen," erwiderte Osvif, "denn Du allein wagst etwas dabei," und so machten sie sich denn auf die Werbung nach Höskuldstad. Sie wurden freundlich empfangen und brachten sogleich ihr Anliegen vor. Höskuld erwiderte darauf: "Eure Stellung kenne ich und Wesen und Art meiner Tochter könnt Ihr selbst sehen, doch will ich Euch nicht verhehlen, daß sie einen etwas harten Sinn hat." "Das soll kein Hinderniß sein," versetzte Thorvald, "gieb Du nur die Bedingungen an." Das Ende der Verhandlung wurde denn, daß der Brautkauf abgeschlossen wurde und Thorvald Osvifsohn sich mit Halgjerde verlobte. Höskuld hatte sie selbst nicht befragt, denn er wollte sie gern verheiraten. Nachdem aber Thorvald und dessen Vater fortgeritten waren, erzählte er ihr den Handel. "Jetzt sehe ich," sagte sie, "was ich längst gemerkt habe: Du liebst mich nicht so sehr, wie Du stets gesagt hast, da Du es nicht für der Mühe werth hieltest, mich zu befragen. Auch scheint es mir keine so günstige Heirat zu sein, wie Du sie mir versprochen hast." Höskuld antwortete: "Dein Stolz soll mich in meinem Handel nicht hindern; sind wir nicht einig, so bin ich es, der zu bestimmen hat und nicht Du." Sie entgegnete darob: "Allzeit herrschte großer Stolz in Dir und Deinem Geschlecht, darum ist es kein Wunder, daß auch ich meinen Theil davon erhalten habe." Darnach ging sie fort. Sie ging geradenwegs zu ihrem Pflegevater Thjostolf und erzählte ihm voller Betrübniß, was im Werke sei. "Sei nur guten Muthes," tröstete sie Thjostolf, "es ist nicht das letzte Mal, daß Du verheiratet wirst und nächstes Mal wird man Deine Meinung schon einholen; ich werde Dir stets zu Diensten sein, wenn ich nur nicht Deines Vaters oder Rut's Widerpart zu sein brauche." Nach diesen Worten redeten sie nicht mehr über die Sache. Höskuld aber bereitete das Hochzeitsfest vor und ritt herum, um die Gäste zu laden. Er kam auch nach Rutstad und lud Rut ein. "Auch möchte ich Dich bitten," sprach er, "es mir nicht zu verargen, daß ich Dich nicht um Rath fragte, als ich diesen Handel schloß." "Am liebsten bleibe ich ganz unbetheiligt bei der Angelegenheit," erwiderte Rut, "sie bringt kein Glück, weder ihm noch ihr; doch will ich zum Mahle kommen, wenn Du es als eine Ehre für Dich ansiehst." "Allerdings," versetzte Höskuld und ritt darauf heim. Osvif und Thorvald luden auch Gäste, so daß nicht weniger als hundert Fremde da waren. Einen Gast lud Halgjerde, nämlich einen Oheim mütterlicherseits, namens Svan, der auf Svanshol am Bärenfjord im Nordlande wohnte. Er war zauberkundig, zanksüchtig und ein böser Gesellschafter. Thjostolf hatte sie zu ihm gesandt, um ihn zu laden, und bald waren die beiden Männer enge Freunde. Beim Mahle saß Halgjerde auf der Querbank und war sehr vergnügt; Thjostolf kam oft zu ihr und flüsterte mit ihr, und bisweilen auch mit Svan, was den Leuten sehr sonderbar vorkam. Im übrigen verlief das Mahl ungestört. Höskuld zahlte Halgjerde's Mitgift ganz baar aus. "Soll ich noch einige Gastgeschenke vertheilen?" fragte er Rut beim Ende des Mahles. "Nein, thue das nicht," antwortete Rut, "Du wirst Gelegenheit genug haben, Dein Gut um Halgjerde's willen hinzugeben." Als Thorvald mit seiner Frau heimritt, folgte ihnen Thjostolf; er schritt daher an Halgjerde's Seite und redete leise mit ihr, wobei Halgjerde sehr ausgelassen war. "Wie seid ihr mit einander ausgekommen?" fragte Osvif seinen Sohn. "Sehr wohl," versetzte dieser, "sie erwies mir ungetheilte Liebe. Du kannst ja auch sehen, daß sie zufrieden und froh ist, denn sie lacht bei jedem Wort, welches sie spricht." "Dies Lachen gefällt mir schlecht, und es wird sich schon zeigen, daß ich Recht habe," sprach Osvif. Nach der Heimkehr saß Halgjerde des Abends neben ihrem Eheherrn, Thjostolf aber räumte sie den Platz an ihrer Seite ein, am weitesten von der Thür, wie sie ihm denn alle schuldige Ehre erwies. Thorvald und Thjostolf aber ließen sich nur wenig mit einander ein und wechselten im Laufe des Winters nur wenige Worte.

13

Thorvald's Tod.

Halgjerde war verschwenderisch und verbrauchte viel. Als der Frühling nahte, war deshalb auch Mangel in der Haushaltung und es fehlte an Mehl und getrockneten Fischen. Sie fuhr darum Thorvald unwirsch an, weil er nicht herbeischaffe, was des Hauses Bedarf sei. "Niemals habe ich vordem mehr beschafft und doch hat es bis in die Mitte des Sommers hin ausgereicht," antwortete er. Sie entgegnete: "Was geht es mich an, wenn Du so geizig gewesen bist, Dich selbst und Deinen Vater Hunger leiden zu lassen." Da aber wurde Thorvald zornig und schlug sie in's Gesicht, so daß sie blutete, dann ging er fort, nahm sechs von seinen Hausgenossen mit sich und ruderte hinaus nach einigen Inseln, die er im Hvamsfjord besaß und die den Namen Bäreninseln trugen; daselbst hatte er Vorräthe an Mehl und getrockneten Fischen. Halgjerde setzte sich vor das Haus und war sehr niedergeschlagen. Thjostolf kam hinzu und bemerkte, daß sie im Gesicht Wunden habe und fragte sie, woher dieselben rührten. "Mein Eheherr that es," versetzte sie, "doch kümmert Dich das nur wenig, da Du mir nicht einmal zu Hilfe kamst." "Ich wußte es ja nicht," erwiderte Thjostolf, "doch will ich es jetzt rächen." Er holte seine Axt, sprang in ein Boot und ruderte nach den Bäreninseln. Dort stand Thorvald in seinem Boot und verstaute die Ladung, während seine Leute ihm dieselbe zutrugen. Thjostolf sprang sogleich hinüber in Thorvald's Boot und fing an, mitzuarbeiten. "Ich muß Dir nur beistehen," sagte er dabei, "denn zu langsam bist Du bei dieser Arbeit und außerdem wird schlecht gethan, was Du thust." "Kannst Du es besser machen?" fragte Thorvald. Thjostolf antwortete: "Eins giebt es, was ich besser machen kann als Du: das Weib, das Du hast, ist unglücklich vermählt und übel ist es, daß Euer Zusammenleben so lange dauert." Da ergriff Thorvald ein Fischermesser, das neben ihm lag und hieb nach Thjostolf. Thjostolf aber schlug wieder mit seiner Axt und traf Thorvald's Arm, so daß dieser zerbrach und das Messer ihm entfiel. Wiederum schwang Thjostolf die Axt und zerschmetterte Thorvald das Haupt, so daß er gleich seinen Geist aufgab. In demselben Augenblick kamen Thorvald's Knechte zum Boote herab mit einer Bürde, die in dasselbe gelegt werden sollte. Doch Thjostolf war nicht rathlos. Mit beiden Händen hieb er ein großes Loch in den Bordrand von Thorvald's Boot, so daß die dunkle See in mächtigem Schwall hineinströmte und sprang rasch in sein eignes Boot, während das des Thorvald mit der Ladung und der Leiche versank. Die Männer sahen nicht, wie übel zugerichtet ihr Herr war, daß er aber todt sei, das sahen sie. Sie riefen Thjostolf Flüche nach; er aber ruderte an Land, zog sein Boot auf's Trockene und ging geraden Wegs zum Hofe hinauf mit der blutigen Axt auf der Schulter. Halgjerde saß noch draußen. "Blutig ist Deine Axt," sprach sie, "was hast Du gethan?" "Ich sorgte dafür, daß Du zum zweiten Male Dich vermählen kannst," erwiderte Thjostolf. "Dann ist Thorvald todt," sagte sie. "So ist es," entgegnete er, "doch sorge Du nun für meine Sicherheit." "Das will ich," versetzte sie und hieß ihn nordwärts zu Svan reiten. Thjostolf bestieg sogleich sein Pferd und ritt fort. Svan empfing ihn mit offenen Armen, rühmte seine Kühnheit und sprach: "Schande werden sie ernten von ihrer Fahrt, die, welche Dich bei mir suchen wollen." -- Halgjerde aber wollte jetzt zu ihrem Vater heimreiten; sie ging zu ihrer Lade und schloß sie auf, rief dann ihre Hausgenossen herbei und gab jedem eine Gabe und alle waren höchst unzufrieden damit, daß sie sie verlieren sollten; darnach ritt sie nach Höskuldstad. Dort traf sie ihren Vater und Rut und diese empfingen sie froh, denn sie wußten noch nicht, was geschehen war. "Warum kommt Thorvald nicht mit Dir?" fragte Rut. "Er ist todt," sprach Halgjerde. "Dann war es Thjostolf, der ihn tödtete," sagte Höskuld und als sie es bejahte, fuhr er fort: "So hatte Rut doch Recht, als er sagte, diese Heirat werde großes Unglück im Gefolge haben; allein geschehene That ist nicht zu ändern." -- Als Osvif den Tod seines Sohnes erfuhr, erkannte er sogleich den Zusammenhang; er sammelte Mannschaft und ritt nordwärts nach dem Bärenfjord. Aber Svan hatte ein Vorgefühl davon, daß er herankomme. "Jetzt nahen Osvif's Schutzgeister," sagte er, ging vor das Haus und zauberte einen dichten Nebel hervor. Als nun Osvif und seine Mannen auf die Höhe des Bergrückens in der Nähe von Svanshol gelangt waren, kam ein dichter Nebel ihnen entgegen; es wurde finstre Nacht vor ihren Augen, sie stürzten von den Pferden und fanden diese nicht mehr, sie verloren ihre Waffen und geriethen entweder in die Brüche oder in den Wald, so daß sie in Gefahr waren, Leib und Leben zu verlieren. "Wenn ich nur meine Pferde und meine Waffen wiederfinden könnte, so wollte ich umkehren," sagte Osvif endlich. Da begann es sogleich etwas hell zu werden und sie fanden Pferde und Waffen wieder. Viele äußerten nun den Wunsch, weiter zu reiten nach Svanshol. Allein es geschah dasselbe Wunder und so wiederholte es sich dreimal, so daß sie zuletzt umkehrten und heimritten. Osvif jedoch ritt nach Höskuldstad und rief Höskuld und Rut heraus zu einer Unterredung. Sie erschienen, und Osvif forderte Buße für seinen Sohn. Höskuld antwortete: "Ich war es nicht, der Deinen Sohn tödtete, auch war es nicht mein Anschlag; indessen ist es natürlich, daß Du Entgelt forderst." Rut sagte: "Die Nase ist den Augen nahe, Bruder; Du kannst nicht anders als jeder üblen Nachrede den Weg verlegen und ihm Buße für seinen Sohn geben, damit Du also die Sache Deiner Tochter wieder gut machest; und es ist desto besser, je weniger Worte darüber gewechselt werden." "Willst Du denn die Buße festsetzen?" fragte Höskuld Rut. "Das will ich," entgegnete dieser, "und will Dich nicht schonen, denn gerade heraus gesagt, es war Deiner Tochter Anschlag, welcher Thorvald den Tod brachte." "Wohl ist der Vergleich nicht billig," sprach Osvif zu Höskuld, "wenn Dein Bruder die Buße festsetzt; allein er hat so trefflich gesprochen, daß ich wohl das Vertrauen hegen darf, er werde nach Recht und Billigkeit schätzen." Darauf stand er auf und faßte Höskuld's Hand, und sie verglichen sich dahin, daß Rut die Buße bestimmen solle. Er setzte sie auf 6 Mark Silber, etwa 72 Thaler, oder, wie es auch hieß "zweihundert in Silber" fest, denn das hielt man damals für gute Mannbuße; und Höskuld zahlte sie sogleich baar aus. Außerdem schenkte Rut Osvif einen guten Mantel, womit Osvif zufrieden war und heimritt; ebenso wurden keine Schwierigkeiten erhoben bei der Theilung von Thorvald's Erbe. Halgjerde nahm darnach ihren Aufenthalt bei ihrem Vater und ihr Gut vermehrte sich stark. Lange aber redete man von dem Mord an Thorvald.

14

Halgjerde's Heirat mit Glum Olafsohn.

Auf dem Hofe Varmaläk in der Nähe des Borgefjord wohnten zwei Brüder namens Thoraren und Glum. Sie waren Söhne von Olaf dem Lahmen, angesehene Männer und sehr begütert. Thoraren war ein sehr verständiger Mann, und Glum war groß, stark und gesund und war lange auf Reisen gewesen. Einst fragte Thoraren Glum, ob er außer Landes zu ziehen gedenke, wie er gewohnt sei. Glum antwortete, er habe eher daran gedacht, ganz aufzuhören mit seinen Handelsreisen. "Was hast Du denn vor?" fragte Thoraren, "willst Du Dir eine Frau suchen?" "Wohl möchte ich es," erwiderte Glum, "falls ich eine vortheilhafte Heirat schließen könnte." Da zählte Thoraren die Jungfrauen auf, die um den Borgefjord herum wohnten und fragte Glum, ob er eine von diesen zum Weibe begehre, denn er wollte mit ihm auf die Brautwerbung ausreiten. "Nein," versetzte Glum, "keine von diesen begehre ich." "So nenne doch die, welche Du erkoren hast," sagte Thoraren. Glum antwortete: "Wenn Du es gern wissen willst, sie heißt Halgjerde Höskuldstochter." "Hier trifft das Sprichwort nicht zu, daß einer durch andren Mannes Schaden klug geworden ist," rief Thoraren aus. "Schon einmal war sie verheiratet und ließ ihren Mann elend hinmorden." "Mir wird das nicht geschehen," versetzte Glum, "und willst Du mir eine Ehre anthun, so reite mit mir und wirb mit mir um sie." Thoraren meinte: "Da läßt sich nichts dagegen machen, was geschehen soll, das geschieht." Glum beredete sich noch oft mit Thoraren über die Angelegenheit und dieser suchte lange Zeit sich ihr zu entziehen, zuletzt aber sammelten sie Mannschaft und ritten zehn Mann stark nach Höskuldstad. Sie fanden gute Aufnahme und blieben die Nacht über. Am nächsten Morgen sandte Höskuld in der Frühe Boten zu Rut, um ihn zu holen und er war selbst draußen, als Rut in den Hof hereinritt. Höskuld erzählte ihm, welche Gäste bei ihm weilten. "Was sie wohl wollen?" fragte Rut. "Sie haben ihr Anliegen noch nicht vorgebracht," erwiderte Höskuld. "Sie wollen um Halgjerde bitten," sprach Rut, "was wirst Du ihnen antworten?" "Was räthst Du mir?" sagte Höskuld. Rut sagte: "Gieb ihnen günstige Antwort, doch sage ihnen mit den Tugenden auch die Untugenden des Weibes." Die Brüder hatten ihre Unterredung noch nicht vollendet, als die Gäste aus dem Hause traten. Sie brachten ihre Werbung an und Höskuld folgte Rut's Rath. "Das soll uns kein Hinderniß sein," antwortete Thoraren; "die zweite Ehe wird schon glücklich werden, wenn auch die erste zum Unglück führte, war doch hiervon Thjostolf der Urheber." Da nahm Rut das Wort und sagte: "Gern möchte ich Euch einen Rath ertheilen. Wenn dieser Handel abgeschlossen wird, so darf Thjostolf Halgjerde nicht auf Glum's Hof folgen und niemals darf er länger als drei Nächte dort verweilen ohne Glum's Erlaubniß; doch will ich Glum nicht rathen, sie ihm zu gewähren. Weilt Thjostolf dort länger ohne Glum's Bewilligung, so sei es Glum gestattet, ihn todt zu schlagen. Außerdem dürfen wir diesmal nicht wiederum die Sache ohne Halgjerde's Wissen und Willen abmachen, sondern sie muß befragt werden und Glum sehen, so daß sie selbst sich entscheiden kann, ob sie ihn will oder nicht." "Deine Rathschläge sind stets gut," sprach Thoraren. Man ließ sogleich Halgjerde holen und sie erschien begleitet von zwei anderen Frauen. Sie trug einen blauen gewirkten Mantel, darunter einen Rock von Scharlachtuch und einen silbernen Gürtel; das Haar wallte ihr zu beiden Seiten der Brust herab, und sie trug es unterhalb des Gürtels geknotet. Sie ließ sich nieder zwischen ihrem Vater und Rut und hatte für alle ein freundliches Wort. Glum theilte ihr mit, was sie unter einander beredet hätten in Bezug auf seine Ehe, "und nun magst Du entscheiden," sagte er, "ob Du mich willst oder nicht." "Ich bin es zufrieden," versetzte sie, "und ich weiß, daß ich nun besser verheiratet werde als voriges Mal." Darauf schätzte man ab, wie viel Halgjerde's Gut werth sei und bestimmte, Glum solle den gleichen Werth hinzulegen, und es solle Halbscheid zwischen ihnen sein. Man berief Zeugen, Glum verlobte sich mit Halgjerde, und ritt darauf mit seinem Bruder heim. Späterhin wurde auf Höskuldstad die Hochzeit gefeiert und es waren viele Gäste dort versammelt. Höskuld und Rut besetzten die eine Langbank, der Bräutigam und sein Gefolge die andere und Halgjerde saß auf der Querbank und benahm sich gut. Thjostolf ging umher mit erhobener Axt, doch alle thaten, als sähen sie es nicht und das Mahl nahm einen fröhlichen Verlauf. Als es zu Ende war, ritt Halgjerde mit ihrem Eheherrn und Thoraren südwärts nach Varmaläk. Thoraren fragte, ob sie dort die Haushaltung übernehmen wolle, doch lehnte sie es ab. Sie beherrschte sich den Winter über und war gern gesehen von jedermann. Bei Frühlingsanfang zog Thoraren nach einem andren Hofe, namens Lögarnes, und ließ sich dort nieder, während Glum allein Varmaläk behielt und Halgjerde dort die Haushaltung übernahm. Sie und Glum lebten friedlich mit einander. Im Laufe des Sommers gebar sie eine Tochter, welche nach heidnischer Sitte mit Wasser begossen und Thorgjerde genannt wurde; dieselbe begann im Aeußeren ihrer Mutter zu gleichen.

15

Glum's Tod.

Nachdem Halgjerde mit Glum Olafsohn verheiratet worden war, war Thjostolf auf Höskuldstad geblieben und hatte sich gut aufgeführt. Eines Tages aber schlug er einen der Hausleute auf dem Hofe, worauf Höskuld ihm ankündigte, er wolle ihn nicht länger herbergen. Thjostolf nahm sein Pferd und seine Waffen und sagte zu Höskuld: "Jetzt ziehe ich fort und komme nie wieder." "Das wird uns allen eine Ursache großer Freude sein," entgegnete Höskuld. Thjostolf aber ritt nach Varmaläk, wo er von Halgjerde wohl und von Glum nicht unfreundlich aufgenommen wurde. Er erzählte Halgjerde, daß ihr Vater ihn fortgejagt habe und bat sie, für ihn zu sorgen. Sie antwortete, sie könne ihm keine Aufnahme versprechen, ehe sie sich mit Glum darüber beredet habe. "Lebt Ihr denn so einträchtig beisammen?" fragte Thjostolf. "Ja, einträchtig und liebevoll," erwiderte sie. Darauf ging sie zu Glum, schlang ihre Arme um seinen Hals und sprach: "Du wirst mir nicht abschlagen, um was ich Dich bitte." "Was ich mit Ehren thun kann, das will ich für Dich thun," versetzte er; "was ist Dein Begehr?" "Thjostolf ist fortgejagt worden," sagte sie, "und ich möchte gern, daß Du ihm erlaubtest, hier zu verweilen; ist es Dir aber zuwider, dann will ich nicht darauf bestehen." Glum versetzte: "Weil Du so schön darum bittest, so will ich nicht dawider sein; sobald er aber Böses im Schilde führt, soll er sogleich das Haus räumen." So blieb denn Thjostolf auf Varmaläk. Eine Zeit lang beherrschte er sich, aber bald war es, als wenn er alles verderbe; er verschonte niemand außer Halgjerde, obgleich sie ihn niemals in Schutz nahm, wenn er mit andren Streit anfing. Glum merkte wohl, daß die Sache übel stehe, und sein Bruder Thoraren sagte, es werde ein böses Ende nehmen, wenn er Thjostolf nicht fortjage; er aber folgte seinem eignen Kopfe und ließ ihn bleiben. Einst hatte man viel Mühe, das Vieh von den Bergweiden, wo es im Sommer frei herumlief, herunter zu treiben, und Glum vermißte einige Hammel. Er hieß nun Thjostolf mit den Hausleuten hinausgehen, um sie zu suchen. "Ich habe keine Lust, hinter Deinen Sklaven her zu rennen," entgegnete dieser, "geh' selbst hinaus, dann will ich Dir folgen." Es erhob sich nun ein langer, heftiger Wortwechsel zwischen ihnen. Glum ging alsbald zu Halgjerde und sagte, jetzt habe sich Thjostolf so benommen, daß er fort müsse. Halgjerde wollte Thjostolf in Schutz nehmen und es kam zu harten Worten zwischen ihr und Glum, so daß er sie zuletzt schlug. "Ich will nicht länger Dein Keifen hören," sprach er und ging darauf fort. Sie hielt viel von ihm und konnte sich nun nicht beruhigen, sondern weinte laut. Als aber Thjostolf sich ihr nahte und seinen Unwillen äußerte über die Behandlung, die ihr widerfahren sei, fuhr sie ihn an, er möge sich nicht in Angelegenheiten mischen, die nur sie und Glum beträfen. Da entfernte sich Thjostolf mit häßlichem Lächeln. Inzwischen ging Glum mit einigen Männern aus, um die Schafe zu suchen, und Thjostolf folgte nach. Wie nun die anderen sich nach verschiedenen Seiten hin zerstreuten, geschah es, daß Glum und Thjostolf allein blieben. Sie trafen einige Schafe und wollten sie gegen eine Felswand hintreiben, um sie so zu fangen, aber die Schafe entgingen ihnen und gelangten auf die Felswand hinauf. Da machten sie sich gegenseitig Vorwürfe deswegen. Thjostolf sagte, Glum sei nie da zu finden, wo es männlicher Tüchtigkeit und Thatkraft bedürfe. "Von Dir will ich keine höhnenden Worte hören, Du verlaufener Sklave," schalt Glum. "Du wirst es schon fühlen müssen, daß ich kein Sklave bin," höhnte Thjostolf. Da erwachte Glum's Zorn, und er hieb nach ihm mit der Handaxt. Aber Thjostolf fing den Hieb auf mit seiner Axt, schwang sie darauf und traf Glum in die Schulter, so daß der Knochen zerbrach und das Blut stromweis hervorschoß. Glum faßte ihn mit der andern Hand so fest, daß er hinstürzte, aber in demselben Augenblick kam der Tod über ihn selbst. Thjostolf zog ihm einen Goldring ab, deckte seine Leiche mit Steinen zu und ging nach Varmaläk. "Glum ist todt; was sagst Du dazu?" sagte er zu Halgjerde. "Dann warst Du es, der ihn tödtete," erwiderte sie. "Du sagst es," sprach er. Sie lachte über ihn und versetzte: "Mit Dir ist nicht zu spaßen." "Was räthst Du mir nun?" fragte Thjostolf. "Ziehe zu meinem Oheim Rut," antwortete sie, "und laß ihn für Dich sorgen." "Kaum wird mir das zum Vortheil gereichen," meinte er, "doch will ich hierin Deinem Rathe folgen," und so holte er sein Pferd hervor und ritt nach Rutstad. Er langte dort zur Nachtzeit an, band sein Pferd hinter dem Hause fest, trat an die Thür und that einen starken Schlag gegen dieselbe. Rut erwachte und sprang aus dem Bette, zog seinen Rock und seine Schuhe an, ergriff sein Schwert und ging hinaus. Er erkannte sogleich Thjostolf und fragte, was im Werke sei. "Glum ist getödtet," erwiderte dieser. "Wer war der Thäter?" fragte Rut. "Ich schlug ihn," entgegnete Thjostolf. "Was suchst Du denn hier?" fragte Rut weiter. "Halgjerde hat mich hergesandt," versetzte Thjostolf. "Dann hat sie keine Schuld an dem Morde Glum's," rief Rut und schwang sein Schwert. Thjostolf sah es, er wollte nicht zurückbleiben und hieb sogleich nach Rut. Dieser aber wandte sich so schnell, daß er dem Hieb entging, und in demselben Augenblick schlug er mit der Linken Thjostolf die Axt aus der Hand, sprang rasch auf ihn ein und versetzte ihm zwei Wunden; der eine Hieb trennte ihm das eine Bein fast vom Leibe, der andre saß in seinem Kopfe und nahm ihm das Leben. Darnach ritt Rut nach Höskuldstad und meldete Höskuld die beiden Blutthaten. Als er wieder heimgeritten war, erschien Thoraren mit elf Mann vor Höskuldstad; er wurde freundschaftlich aufgenommen von Höskuld und dieser sandte sofort nach Rut. Als aber Thoraren fragte, ob Höskuld Buße für Glum entrichten wolle, antwortete Höskuld: "Ich war es nicht, der Deinen Bruder schlug; auch fiel er nicht auf meiner Tochter Anschlag; aber sobald Rut die traurige Kunde erhielt, tödtete er Thjostolf." Da schwieg Thoraren und forderte keine Buße mehr. Rut aber rieth, ihm gute Gaben zu geben und ihm alle schuldige Ehre anzuthun, da er ja wirklich großen Verlust erlitten habe. Dies geschah denn auch, und Thoraren ritt heim. Im Laufe des Herbstes wechselten er und Halgjerde den Aufenthalt, so daß sie südwärts nach Lögarnes, Thoraren aber nach Varmaläk zog.

16

Gunnar's Heirat.

Die Erzählung nimmt den unterbrochenen Faden wieder auf und wendet sich Gunnar zu, als er auf dem Alting war kurz nach seiner Heimkehr von der Vikingerfahrt. Eines Tages ging er von dem Gesetzeshügel hinab heimwärts. Er trug die Scharlachtuchkleidung, die er von König Harald Gormsohn in Dänemark empfangen hatte, und an der Hand blinkte der Goldring, das Geschenk Hakon Jarl's. Da sah er ein Weib auf sich zukommen. Sie war fein gekleidet, denn sie trug ein rothes Gewand und darüber einen Mantel von Scharlachtuch mit Goldspangen bis zum Schoß besetzt; dazu war sie schön und wohl gewachsen und hatte schweres und herrliches Haar, das ihr über die Brust herabhing. Als sie sich begegneten, grüßte sie ihn und er grüßte sie wieder und fragte nach ihrem Namen. Sie sagte, sie heiße Halgjerde und sei eine Tochter von Höskuld Dalekolsohn. Sie redete ganz frank mit ihm und bat ihn, ihr etwas von seinen Reisen zu erzählen. Er meinte, er wolle ihrem Wunsche nicht zuwider sein, und so ließen sie sich nieder und unterredeten sich. Schließlich fragte er sie, ob sie noch unvermählt sei. Sie bejahte die Frage und fügte hinzu, es seien nicht viele, die um sie zu werben wagten. "Hältst Du denn niemand Deiner werth?" fragte Gunnar. "Das wohl," entgegnete sie, "doch bin ich eigen in der Wahl meines Gatten." "Wie würdest Du antworten, wenn ich um Dich anhielte?" fragte Gunnar weiter. "Das wirst Du nicht thun," meinte sie. "O, doch," versetzte Gunnar. "Sprich mit meinem Vater," versetzte sie, und damit schlossen sie die Unterredung. Gunnar ging sogleich nach Höskuld's Hütte. Er fand dort Höskuld und Rut und wurde freundlich von ihnen empfangen; er setzte sich zwischen sie und es war an ihrer Rede nicht zu bemerken, daß sie sich vordem feindlich gegenüber gestanden hatten. Zuletzt leitete Gunnar das Gespräch darauf hin, welche Antwort die Brüder geben würden, falls er um Halgjerde anhalte. "Einwilligen würden wir," antwortete Höskuld, "wenn es Dein Ernst ist." "Es ist mein voller Ernst," versetzte Gunnar, "aber das letzte Mal schieden wir so, daß mancher Mann meinen könnte, zwischen uns könnte keine Verschwägerung stattfinden." "Was ist Deine Meinung, Rut?" fragte Höskuld. "Mir scheint," entgegnete Rut, "daß hier alles auf beiden Seiten gleich ist." "Wie ist das zu verstehen?" versetzte Gunnar. Rut erwiderte: "Du, Gunnar, bist ein tüchtiger Mann und brav; in Halgjerde's Brust aber wechselt Gutes mit Bösem; drum will ich Dich nicht über sie täuschen." "Das heißt edel gehandelt," sagte Gunnar, "doch möchte ich glauben, daß Ihr Euch noch unsrer alten Feindschaft erinnert, falls Ihr diesen Handel nicht mit mir abschließen wollt." "So ist es in der That doch nicht," entgegnete Rut, "wir wollen selbst Deine Freunde sein, falls Du nicht mit uns Dich verschwägerst. Doch sehe ich, daß Du es wünschest, außerdem bist Du es allein, der dabei wagt." Nun sagte Rut ungefragt alle Eigenschaften Halgjerde's. Da meinte Gunnar wohl, daß manches anders sein könnte, allein schließlich einigten sie sich doch über den Handel. Man ließ Halgjerde rufen und die Bedingungen wurden in ihrer Gegenwart festgestellt; sie vertraute sich Gunnar selbst, und schließlich wurde abgemacht, daß die Hochzeit auf Hlidarende gefeiert werden solle. Als Gunnar vom Ting heimkam, ritt er sogleich nach Bergthorshvol und verkündete Nial, was geschehen war. Nial erfreute die Kunde nicht und als Gunnar ihn fragte, warum sie ihm zuwider sei, sagte er: "Sie wird nur Böses anstiften, wenn sie hierher kommt." "Niemals aber soll sie unsre Freundschaft stören," entgegnete Gunnar. "Es wird aber nicht viel daran fehlen," sprach Nial, "und oft wirst Du für sie Buße zahlen müssen." Bald darauf feierte man die Hochzeit auf Hlidarende; es wurde aber eine doppelte Hochzeit. Unter den Gästen waren nämlich sieben Söhne von Gunnar's Großvater mütterlicherseits, Sigfus Sighvatsohn. Einer von ihnen, Thraen geheißen, war ein angesehener Mann und wohnte auf dem Hofe Grytaa in Fliotslid, nicht weit westlich von Hlidarende. Er sah dort Thorgjerde Glumstochter, die damals vierzehn Winter zählte und sehr schön war. Sogleich sagte er sich geschieden von seiner Frau Thorhilde; denn er liebte sie nicht, weil sie voller Spott und scharfzüngig war. Thorhilde mußte abziehen und Thraen hielt sogleich um Thorgjerde an; die Bedingungen wurden festgestellt und sie zog mit ihm von dem Feste heim als sein Weib und übernahm die Haushaltung auf Grytaa, wo sie eine gute Hausfrau wurde. Halgjerde aber übernahm den Haushalt auf Hlidarende und war betriebsam und thätig.

17

Nial's Haus.

Nial Thorgejrsohn auf Bergthorshvol war verheiratet. Seine Gattin hieß Bergthora und war ein mannhaftes und braves Weib, aber etwas harter Sinnesart. Sie hatten sechs Kinder, drei Töchter und drei Söhne. Der älteste von diesen war Skarphedin (der scharfe = schneidige Hedin); er war hochgewachsen, hatte braunes, lockiges Haar und schöne Augen, eine gebogene Nase, einen hohen Oberkiefer und einen sehr häßlichen Mund; sein Antlitz war bleich und zeigte scharfe Züge; er war schnellfüßig und schwamm wie ein Seehund; stark war er und waffengewandt und hatte überhaupt ein kriegerisches Aussehen; seine Redeweise war bündig und schlagfertig, doch konnte er sich beherrschen; endlich war er auch ein guter Skjald. Nial verheiratete ihn mit einem Weibe, namens Thorhilde, einer Tochter Randve's auf Thorolfsfjeld östlich von Hlidarende, am oberen Laufe des Markarflusses. Nial's zweiter Sohn, Grim, war groß und stark, hatte schönes dunkles Haar und war überhaupt hübscher als Skarphedin; er verheiratete sich mit einer reichen Witfrau namens Astrid von Djupabakke. Nial's dritter Sohn hieß Helge und war schön von Angesicht und Haarwuchs, stark und waffenkundig, klug und sanftmüthig. Ihn verheiratete Nial mit einer hübschen und braven Frau, namens Thorhalle, einer Tochter des angesehenen Bauern Asgrim Ellidagrimsohn auf Tunge, westlich von der Thjorsau, die mit der Querau dieselbe Mündung hat. Dieser Asgrim war ein Mann, dem Nial alle Ehre erweisen wollte und den er deshalb bat, ihm seinen Sohn Thorhald zur Erziehung zu überlassen. Als Asgrim darauf einging, nahm Nial den Thorhald mit sich und unterwies ihn im Gesetz, so daß er der gesetzeskundigste Mann seiner Zeit auf Island wurde. Schließlich hatte Nial noch einen vierten Sohn, Höskuld genannt, aber dieser war ein unehelicher Sohn. Er wohnte mit seiner Mutter Hrodny auf dem Hofe Holt, etwas entfernt von Bergthorshvol, hielt sich aber öfters bei seinem Vater und seinen Brüdern auf. Die andren Söhne Nial's wohnten mit ihren Frauen bei ihm auf Bergthorshvol. Außer seiner Haushaltung dort hatte er noch eine zweite auf Thorolfsfjeld, die Skarphedin mit seiner Frau erheiratet hatte.

18

Das Gastmahl auf Bergthorshvol.

Gunnar und Nial hatten die Sitte, einander wechselweise Winter um Winter zu einem Gastmahl einzuladen, und im ersten Winter nach Gunnar's Vermählung mit Halgjerde war an ihn das Gastgebot von Nial ergangen. Er zog dahin mit ihr und Nial nahm sie beide freundlich auf. Bei ihrer Ankunft waren Helge Nialsohn und seine Gattin Thorhalle nicht zu Hause; sie erschienen aber bald nachher. Da faßte Bergthora Thorhalle an der Hand und führte sie zur Querbank, wo die Frauen ihren Sitz hatten. "Du wirst vor dieser Frau zur Seite rücken," sagte Bergthora zu Halgjerde. "Nicht weiche ich von der Stelle," erwiderte Halgjerde, "ich will nicht ein Aschenbrödel sein, das man in die Ecke jagt." "Hier habe ich zu bestimmen," sagte Bergthora, und Thorhalle ließ sich nieder. Nach dem Mahle ging Bergthora um den Tisch herum mit Wasser, um die Hände zu netzen. Als sie zu Halgjerde kam, ergriff diese ihre Hand und sprach: "Du und Nial seid ganz für einander geschaffen, Du hast knotige Nägel und er ist bartlos." "Wahr ist es," versetzte Bergthora, "aber keiner von uns legt es dem andern zur Last. Dein Eheherr Thorvald war nicht bartlos und dennoch fiel er durch Deine Ränke." Halgjerde wandte sich nach der Seite, wo Gunnar saß und rief: "Nur wenig frommt es mir, dem trefflichsten Mann auf Island anzugehören, wenn Du solche Worte ungerächt lässest, Gunnar." Da sprang Gunnar auf vom Tisch und sagte: "Ich will heim; wenn Du zanken willst, magst Du es mit Deinen Hausgenossen thun und nicht im Hause des fremden Mannes. Viel Ehre habe ich Nial zu danken und will nicht Deinen Launen ein Spielball sein." Sie rüsteten sich sogleich zur Heimfahrt. Beim Abschied sagte Halgjerde: "Erinnere Dich, Bergthora, daß wir hiermit nicht geschieden sind." "Am schlimmsten wird es für Dich sein," entgegnete Bergthora. Gunnar mischte sich nicht hinein; er zog heim mit Halgjerde und hielt sich den ganzen Winter zu Hause.

19

Kol und Svart.

Als der Sommer nahte und die Zeit da war, wo man zum Alting ritt, sagte Gunnar zu Halgjerde, daß er zum Ting reiten wolle. "Aber halte Dich im Zaum, so lange ich fort bin und lebe friedlich mit meinen Freunden," fügte er hinzu. "Der Teufel hole Deine Freunde," erwiderte sie; Gunnar aber ritt fort. Nial zog ebenfalls zum Ting, begleitet von seinen Söhnen. Nial und Gunnar besaßen gemeinschaftlich einen Wald in Rödeskride, östlich von Hlidarende am Markarfluß; sie hatten denselben niemals getheilt, sondern jeder holte sich seinen Bedarf, ohne daß je darüber Zwistigkeiten entstanden waren. Nial hatte einen Knecht namens Svart, auf den sowohl er wie auch Bergthora viel gaben. Nachdem Nial zum Ting geritten war, trug Bergthora dem Svart auf, er solle nach Rödeskride gehen und dort eine Woche hindurch Buschholz hauen; sie werde hernach andre Leute dahin senden, um es einzubringen. Svart zog sofort nach Rödeskride. Während er sich dort aufhielt, kamen einige Arme nach Hlidarende und erzählten, Svart sei in Rödeskride und habe viel Holz geschlagen. "Dann hat Bergthora wohl im Sinne, von mir zu stehlen," sagte Halgjerde; "aber ich werde dafür sorgen, daß Svart kein Holz mehr hauen wird." Am folgenden Tage rief sie einen bösen Mann, namens Kol, den sie lange als Aufseher bei der Arbeit oder als Werkführer, wie es hieß, gebraucht hatte. "Ich habe eine Arbeit für Dich," sagte sie zu ihm und gab ihm Waffen in die Hand; "reite hinauf nach Rödeskride, dort findest Du Svart." "Was soll ich ihm thun?" versetzte Kol. "Kannst Du noch fragen," entgegnete sie, "solch ein Bösewicht, wie Du bist? Todtschlagen sollst Du ihn." "Das bringe ich schon fertig," versetzte er, "aber ich werde meinerseits mit dem Leben dafür büßen müssen." "Wird ein Maulwurfshügel zu einem Berg in Deinen Augen, dann finde ich schon einen andern Mann, um solche Arbeit zu thun," sagte Halgjerde. Kol aber wurde zornig; er ergriff die Axt, sprang auf eins von Gunnar's Pferden und ritt gen Osten, bis er an den Markarfluß kam. Dort sprang er vom Pferde und wartete, bis Bergthora's übrige Leute mit dem Holz nach dem Flusse hinabgegangen waren und Svart allein im Walde zurückblieb. Dann lief Kol gegen ihn an und rief: "Es giebt andre, die das Hauen so gut verstehen wie Du!" und in dem nächsten Augenblick hieb er ihm die Axt in den Kopf und tödtete ihn. Darauf ritt er heim und verkündete Halgjerde, daß er ihren Befehl erfüllt habe. Sie sandte sogleich einen Mann zu Gunnar auf den Ting und meldete ihm den Mord. Gunnar schwieg, während der Bote zugegen war und seine Begleiter konnten ihm nicht anmerken, ob er damit zufrieden oder unzufrieden sei. Kurz darauf aber stand er auf, hieß seine Mannen ihm folgen und ging nach Nial's Hütte. Nial kam hervor und sie beredeten sich unter vier Augen. "Dein Knecht Svart ist getödtet," sprach Gunnar, "mein Weib und mein Werkführer Kol thaten es." Nial schwieg, während Gunnar ihm die Sache vortrug. Darnach sagte er: "Du wirst genöthigt sein, sie in engen Schranken zu halten." "Du selbst magst über die Sache urtheilen," antwortete Gunnar, "und die Buße festsetzen." Nial antwortete: "Schwer wird es Dir fallen, den Schaden zu ersetzen, welchen Halgjerde anrichten wird, und anderswo wird er Schlimmeres zur Folge haben als hier, wo es allein uns beide angeht. Indessen ist hiermit auch nicht alles gethan, sondern wir müssen uns wohl aller Freundesworte erinnern, welche wir so oft mit einander gewechselt haben, falls nicht der Anfang, der jetzt gemacht ist, zum Aergsten führen soll. Wohl erwarte ich, daß Du Dich stets wie ein braver Mann benehmen wirst, aber schwer wird Dein Geschick auf Dir lasten." Darauf nahm Nial das Anerbieten Gunnar's an, selbst zu entscheiden, und sagte, er wolle die Sache nicht auf die Spitze treiben, Gunnar möge 12 Ör Silber oder eine und eine halbe Mark Silber (etwa 18 Thlr.) zahlen.

"Ich möchte aber die Bedingung hinzufügen," fuhr Nial fort, "daß Du die Buße nicht höher ansetzen darfst, falls von unsrem Hofe aus etwas geschieht, worüber Du wirst richten müssen." Gunnar zahlte das Geld gleich baar aus und ritt fort vom Ting. Als er heim kam, stellte er Halgjerde zur Rede, doch sie entgegnete, es sei schon mancher Mann gefallen, der besser gewesen sei als Svart, ohne daß man Bußgeld für ihn gegeben habe. "Was Du anfängst, magst Du selbst zu Ende führen," versetzte Gunnar, "wie aber die Dinge beigelegt werden sollen, das will ich bestimmen." Als Nial vom Ting nach Hause zurückkehrte und Bergthora das Geld sah, welches er für Svart empfangen hatte, sprach sie: "So ist die Sache gut beigelegt, aber nicht lange wird es dauern, bis die gleiche Summe für Kol bezahlt wird." Seitdem wurde ihr Verhältniß zu Halgjerde stets schlimmer, denn Halgjerde prahlte oft mit dem Morde an Svart und das erbitterte Bergthora.

20

Kol's Tod.

Eines Tages war Nial mit seinen Söhnen nach Thorolfsfjeld hinauf geritten, um den Betrieb dort zu besichtigen. An demselben Tage traf es sich, daß Bergthora, als sie sich vor dem Hause zu thun machte, einen Mann auf schwarzem Roß, mit einem Speer in der Hand und einem Schwert an der Seite auf den Hof zureiten sah. Sie blieb draußen, und als er den Hof erreichte, fragte sie nach seinem Namen, seiner Heimat und dem Ziel seiner Reise. "Ich heiße Atle," sagte der Mann, "und komme von den Ostfjorden; ich suche einen Dienst und wollte bei Nial und Skarphedin vorfragen, ob sie mich brauchen können; ich verstehe mich darauf, das Land zu bauen und kann auch andre Arbeit übernehmen. Ich will aber nicht verhehlen, daß ich etwas zänkischer Natur bin und daß dies manchem Mann theuer zu stehen kam." Bergthora entgegnete, sie wolle ihn nicht schelten, weil er nicht feige sei. "Hast Du vielleicht hier etwas zu befehlen?" fragte Atle. Sie antwortete: "Ich bin Nial's Gattin und befehlige die Dienstleute so gut wie er." "Willst Du mich annehmen?" fragte Atle. "Ja," erwiderte Bergthora, "unter der Bedingung, daß Du thust, was ich Dir gebiete, selbst wenn ich Dich aussende zu Mord und Todtschlag." "Du hast ja Leute genug," versetzte Atle, "so daß Du mich nicht zu solchen Thaten auszusenden brauchst." "Darüber will ich selbst bestimmen," sprach Bergthora. "Nun gut," sagte Atle, "so laß uns denn unter dieser Bedingung den Handel schließen." Sie nahm ihn also in Dienst und Pflicht. Als Nial zurückkehrte und Atle erblickte, fragte er, was dies für ein Mann sei. "Dein Dienstmann ist er," antwortete Bergthora, "ich habe ihn in Dienst genommen; geschickt ist er in seiner Arbeit." "Freilich," erwiderte Nial, "scheint er tüchtig in seiner Arbeit zu sein; aber ob alles, was er thut, allzeit gut sein wird, das bezweifle ich." Skarphedin fand dagegen Gefallen an Atle. Während des Sommers ritt Nial mit seinen Söhnen zum Ting und nahm einen Beutel mit Geld mit. "Was ist das für Geld, Vater?" fragte ihn Skarphedin. "Es ist das Geld, welches Gunnar im vorigen Sommer für Svart erlegte," entgegnete Nial. "Schwerlich wirst Du Gebrauch dafür finden," meinte Skarphedin und lachte. Während sie fort waren, fragte Atle eines Tages Bergthora, was er vornehmen solle. "Du sollst ausziehen und Kol suchen, bis Du ihn findest," sprach sie, "denn heute noch sollst Du ihn tödten." "Das trifft sich gut," versetzte Atle, "Todtschläger sind wir ja beide; ich werde ihn schon so anfassen, daß einer von uns daran glauben muß." "So ist es recht," sagte Bergthora, "Du wirst es nicht umsonst ausführen." Darauf nahm Atle seine Waffen, sprang auf ein Pferd und ritt hinauf zum Berghang am Flusse. Dort traf er einige Männer, von denen er erfuhr, daß Kol oben auf der Alm sei. Da spornte er sein Pferd und ritt schnell vorwärts, und als er Kol traf, fragte er, ob seine Arbeit gut von statten gehe. "Das kümmert Dich nicht, Du Lump, noch jemand dort, woher Du kommst," rief Kol. "Die schwerste Arbeit bleibt Dir noch übrig," versetzte Atle, "nämlich zu sterben," und darauf stach er nach ihm mit dem Speer und durchbohrte ihm den Leib. Kol erhob seine Axt gegen ihn, traf ihn aber nicht und stürzte im nächsten Augenblick todt vom Pferde. Atle ritt weiter und als er einige von Halgjerde's Arbeitern traf, sagte er zu ihnen, sie möchten nach Kol sehen, derselbe sei todt vom Pferde gefallen. "Hast Du ihn getödtet?" fragten diese. "Halgjerde wird sich schon vorstellen können, daß er nicht von selbst gestorben ist," versetzte er und ritt heimwärts. Bergthora dankte ihm sowohl für diese That, als auch für seine Worte. "Was wohl Nial dazu sagen wird?" meinte Atle. "Er wird die Botschaft mit Ruhe anhören," versetzte Bergthora, "das erkannte ich daraus, daß er das Geld zum Ting mitgenommen hat, welches Gunnar im vorigen Sommer als Buße für Svart zahlte; er wird dasselbe als Buße für Kol zurückzahlen. Aber wenn dort auch ein Vergleich zum Abschluß kommt, so magst Du Dich doch wohl in acht nehmen, denn Halgjerde wird keinen Vergleich halten." Atle fragte nun, ob sie nicht einen Boten an Nial senden wolle, um das Geschehene zu melden. "Keineswegs," entgegnete Bergthora, "denn am liebsten sähe ich, daß Kol's Tod ungebüßt bliebe." Als aber Halgjerde vernahm, was Atle gethan und gesagt habe, meinte sie, er werde seinen Lohn schon dafür empfangen, und entsandte alsbald einen Boten an Gunnar zum Ting, um ihm anzusagen, was vorgefallen sei. Gunnar schickte sogleich einen Mann nach Nial's Hütte und ließ ihn benachrichtigen. Nial schwieg; aber Skarphedin lachte und rief: "Jetzt werden die Sklaven ganz andre Helden als sie früher gewesen sind; vordem hieben sie auf einander ein, ohne daß es weitere Folgen hatte, jetzt aber giebt es Mord und Todtschlag." Nial nahm seinen Geldbeutel und begab sich sofort, von seinen Söhnen begleitet, nach Gunnar's Hütte. Gunnar kam hervor und trat mit Nial abseits. "Schlimm ist es," sprach Nial, "daß meine Hausfrau den Frieden gebrochen hat." "Kein Tadel soll sie deswegen treffen," erwiderte Gunnar. "Sprich Du nun das Urtheil in dieser Sache," sagte Nial. "So mögen denn Kol und Svart gleicher Buße werth sein," versetzte Gunnar, "Du magst mir zwölf Ör Silber geben." Als er das Geld empfing, erkannte er es sogleich als dasselbe wieder, welches er im vorhergehenden Jahre für Svart erlegt hatte. Nial verfügte sich nach seiner Hütte zurück, und es herrschte hernach zwischen ihm und Gunnar dasselbe gute Verhältniß wie vordem. Als Nial nach Bergthorshvol zurückkam, stellte er Bergthora zur Rede, doch diese erklärte, sie werde niemals Halgjerde nachgeben. Dagegen mußte Gunnar von Halgjerde sich schelten lassen, weil er den Vergleich geschlossen habe, jedoch versicherte er, er werde niemals seinen Freundschaftsbund mit Nial brechen. Sie nahm das gewaltig übel, allein dies beunruhigte ihn nicht. Der Winter verfloß allmählich, und man war von beiden Seiten bemüht, unangenehmen Ereignissen vorzubeugen.

21

Atle's Tod.

Halgjerde's Oheim Svan von dem Bärenfjord war vor längerer Zeit gestorben. Einst war er im Frühjahr zum Fischen auf das Meer hinausgerudert; da überfiel ihn ein schweres Unwetter, welches sein Boot auf eine Klippe warf, so daß es zersplitterte. Einige Fischer, welche in der Nähe waren, versicherten, sie hätten Svan in den Felsen hineingehen sehen, woselbst die Berggeister ihn mit Freuden empfangen hätten. Andre sagten, es sei an dem Gerede kein wahres Wort; aber soviel war gewiß, daß man später niemals etwas von ihm gehört noch gesehen hat. Er hatte einen unehelichen Sohn hinterlassen, namens Brynjolf Roste, der ein böser Mann und zu jeder Uebelthat bereit war. Diesen ließ Halgjerde holen, nachdem Kol getödtet war, damit er ihr als Werkführer diene. Gunnar war das nicht angenehm, aber er wollte keinem von Halgjerde's Sippe die Thür weisen. Er gestattete also dem Brynjolf den Aufenthalt auf Hlidarende, vermied es aber mit ihm zu reden, wenn er ihn auch sonst nicht schlecht behandelte. Nial wünschte dagegen, Atle möge sich von Bergthorshvol entfernen, und als der Frühling nahte, bat er ihn, er möge wieder nach den Ostfjorden zurückkehren; "Halgjerde wird Dir sonst nach dem Leben stehen," fügte er hinzu. "Davor fürchte ich mich nicht," antwortete Atle, "was mich angeht, so bleibe ich lieber." Nial hielt es nicht für räthlich, aber Atle bat ihn darum, daß er bleiben dürfe. "Nur eins möchte ich mir ausbitten," setzte er hinzu, "daß, wenn ich getödtet werde, keine Sklavenbuße für mich gezahlt werden möge." "Es soll Buße für Dich gezahlt werden wie für einen freien und selbständigen Mann," sprach Nial, "und außerdem wird Bergthora Dir ein Versprechen geben, das sie auch halten wird, nämlich daß Mannesrache sich um Deinetwillen erheben soll." So blieb denn Atle auf Bergthorshvol, und die Zeit des Altings kam heran. Gunnar ritt zum Ting mit seinem Bruder Kulskjäg, und auch Nial zog dahin mit seinen Söhnen und nichts störte das gute Verhältniß zwischen ihm und Gunnar. Bergthora sandte Atle nach Thorolfsfjeld hinauf, um dort eine Woche hindurch zu bleiben und im Walde Kohlen zu brennen. Das geschah ganz heimlich, aber Halgjerde erfuhr es dennoch. Sie befahl nun Brynjolf, er solle dahin reiten und Atle tödten; aber Brynjolf machte Ausflüchte. "Wäre doch Thjostolf nur noch am Leben," rief Halgjerde aus, "der würde nicht feige zurückschrecken." "Du brauchst mich nicht feige zu schelten," entgegnete Brynjolf, holte seine Waffen und sein Pferd und ritt nach Thorolfsfjeld. Dort sah er ostwärts vom Hofe einen dicken Rauch aufsteigen; er ritt auf denselben zu, sprang vom Pferde, band es fest und schritt der Stelle zu, wo der dichteste Rauch war. Er erblickte einen Mann am Kohlenmeiler, der seinen Speer neben sich in die Erde gepflanzt hatte. Er schlich nun vorwärts vom Rauche gedeckt; Atle aber war so eifrig mit seiner Arbeit beschäftigt, daß er ihn nicht kommen sah. Da hieb ihn Brynjolf mit der Axt auf den Kopf, Atle aber that einen so gewaltigen Sprung, daß Brynjolf die Axt fahren lassen mußte. Atle ergriff seinen Speer und schleuderte denselben nach ihm, jedoch Brynjolf warf sich platt auf den Boden, so daß der Speer über ihn hinsauste. "Es war Dein Glück," sprach Atle, "daß ich Deines Angriffs nicht gewärtig war. Komm, hole jetzt Deine Axt, ihre Pflicht hat sie redlich gethan, und gehe dann heim, Halgjerde zu melden, daß ich todt bin. Es ist mir ein Trost, daß Du bald dasselbe Ende nehmen wirst." Brynjolf antwortete nicht und holte auch nicht seine Axt, ehe Atle ausgeathmet hatte. Darauf ritt er nach Hlidarende und verkündete Halgjerde, daß er nun vollendet habe, was sie ihm aufgetragen. Sie sandte zuerst einen Boten nach Bergthorshvol und ließ Bergthora ansagen, jetzt sei Kol's Tod gerächt, und darnach sandte sie einen Mann zu Gunnar auf das Ting und ließ ihn benachrichtigen. Gunnar und Kulskjäg begaben sich sogleich zu Nial. Ersterer erzählte ihm, was vorgegangen sei und bat ihn, selbst darüber zu entscheiden. Nial sprach: "Es ist ja unser Vorsatz, daß kein Zwist je uns trennen soll; aber Atle halte ich für mehr als der Sklavenbuße werth." Gunnar erklärte sich einverstanden, er reichte Nial die Hand und der Vergleich wurde geschlossen. Skarphedin versetzte: "Halgjerde läßt unsre Sklaven nicht an Altersschwäche sterben." "Auch Deine Mutter thut das ihrige, daß zwischen unsren Höfen Schlag auf Schlag folgt," erwiderte Gunnar. "So ist es in der That," fiel Nial ein, und darauf schätzte er die Buße auf ein Hundert in Silber oder auf drei Mark (etwa 36 Thaler), welche Gunnar ihm sogleich auszahlte. Viele von den Umstehenden meinten, es sei zu viel. Gunnar aber zürnte ob der Rede und sagte, es sei die volle Buße für manchen Mann gezahlt, der nicht tüchtiger gewesen sei als Atle. Darauf ritten sie heim vom Ting. "Jetzt hast Du Dein an Atle gegebenes Wort eingelöst," sagte Bergthora, als Nial ihr das Geld zeigte, "aber ich habe das meinige noch nicht gehalten." "Dessen bedarf es auch nicht," versetzte Nial. "Früher warst Du andrer Meinung," entgegnete sie, "und es soll auch so geschehen." Halgjerde aber fragte Gunnar, ob er für Atle als für einen unabhängigen Mann Buße erlegt habe. "Er war ein unabhängiger Mann," sagte Gunnar, "und niemals werde ich Nial's Mannen ungebüßt lassen." "Ihr gleicht einander, ihr beide," erwiderte sie, "denn feig seid ihr beide." "Das wird sich zeigen," sprach Gunnar, und war seitdem lange wortkarg gegen sie, bis sie sich ihm wieder näherte. Der Winter aber verfloß wie gewöhnlich ruhig.

22

Brynjolf Roste's Tod.

Bei Nial lebte ein Mann namens Thord, genannt Lösingsohn (Sohn des Freigelassenen); denn sein Vater Sigtryg war Sklave gewesen bei Nial's Mutter Asgjerde, sie aber hatte ihm die Freiheit geschenkt, so daß er seitdem ihr Freigelassener wurde. Später war er ertrunken und sein Sohn Thord war seitdem bei Nial geblieben. Dieser Thord Lösingsohn war ein großer und starker Mann und hatte Nial's Söhne alle erzogen. Ihn wollte nun Bergthora gebrauchen, ihr an Atle gegebenes Versprechen zu erfüllen. Im Sommer, nachdem dieser getödtet worden war, trug sie ihm auf, während Nial und seine Söhne, wie auch Gunnar auf dem Alting waren, er solle ausziehen und Halgjerde's Vetter Brynjolf tödten. "Zwar bin ich kein Todtschläger," entgegnete Thord; "aber ich will es thun, wenn Du es mir befiehlst." "Ich befehle es Dir!" sagte sie. Thord ritt darauf nach Hlidarende und ließ Halgjerde rufen. "Wo ist Brynjolf?" fragte er sie. "Was willst Du von ihm?" entgegnete sie. Er versetzte: "Er soll mir sagen, wo er Atle's Leiche begraben hat; man hat mir erzählt, daß er es schlecht gemacht habe." Sie theilte ihm mit, wo Brynjolf sei und er hieß sie zusehen, daß es Brynjolf nicht ergehe wie Atle. "Du bist kein Todtschläger," erwiderte sie, "wo ihr auch zusammentrefft, da ist keine Gefahr." Thord antwortete, er habe nie Männerblut geschaut und er wüßte nicht, wie ihm werden würde, wenn er es sähe. Darauf sprengte er fort und traf Brynjolf auf der Landstraße. "Wehre Dich, Brynjolf," rief er, "nicht wie ein Räuber will ich Dich überfallen." Brynjolf ritt auf ihn zu und hieb nach ihm. Thord aber schwang seine Axt und zerschmetterte den Schaft von Brynjolf's Axt dicht über der Handhabe; zum zweiten Mal erhob er die Axt und traf Brynjolf in die Brust und tief drang die Axt ein, so daß er vom Pferde sank und sogleich seinen Geist aufgab. Kurz darauf traf Thord Halgjerde's Schafhirten. Er verkündete ihm, daß er Brynjolf getödtet habe, denn so mußte jeder freie Mann handeln, wenn er jemand getödtet hatte und nicht für einen Mörder gehalten werden oder den Namen eines Schurken tragen wollte. Er bezeichnete ihm den Ort, wo die Leiche lag und hieß ihn Halgjerde es ansagen. Dann ritt er nach Bergthorshvol und sagte Bergthora, was er gethan habe. "Ich danke Dir für Deiner Hände Werk," entgegnete sie. Halgjerde aber entbrannte im Zorn, als sie die Botschaft vernahm, die der Hirte ihr brachte. "Viel Unheil soll daraus entstehen," sprach sie, "wenn ich nur freie Hand habe." Die Zeitung wurde auch auf dem Tinge kund. Dreimal ließ Nial sich die Kunde sagen; darauf brach er aus: "Jetzt werden die zu Blutmännern, von denen ich es am mindesten erwartet habe." Skarphedin ergriff das Wort und sagte: "Der Mann muß schon im voraus dem Tode geweiht gewesen sein, da er unter der Hand unsres Pflegevaters, der doch niemals Männerblut gesehen, sein Leben hat aushauchen müssen, und viele werden meinen, daß wir Brüder diese That gethan haben, da man unsre Sinnesart kennt." "Bald wird solches auch von Dir geschehen," versetzte Nial, "aber die Noth wird Dich dazu treiben." Darauf gingen sie hin und verkündeten Gunnar Thord's That. "Der Schade ist nicht groß," erwiderte Gunnar, "aber Brynjolf war ein freier Mann." Nial bot ihm sofort den Vergleich an und Gunnar nahm ihn an, unter der Bedingung, daß er selbst richten sollte. Er setzte die Buße auf drei Mark, Nial zahlte sie aus und somit war der Vergleich abgeschlossen.

23

Thord Lösingsohns Tod.

Gunnar's Mutter Ranvejg hatte einen Schwestersohn namens Sigmund Lambesohn. Derselbe war ein großer und kräftiger Mann, von angenehmen Sitten, ein guter Skjald und in den meisten Uebungen wohl erfahren; dabei war er aber auch hochmüthig, spottsüchtig und trotzigen Sinns. Er besaß ein Schiff, auf welchem er Handelsreisen machte und er fuhr mit demselben nach Island in dem Sommer, in welchem Brynjolf Roste getödtet worden war. Er wurde begleitet von einem Schweden namens Skjold, einem Manne, dem man am besten aus dem Wege ging. Sie landeten im Hornefjord an der Südostküste der Insel, wo sie sich Pferde verschafften und nach Hlidarende ritten. Um der Vetterschaft willen empfing Gunnar sie freundlich und lud Sigmund ein, bei ihm den Winter über seinen Aufenthalt zu nehmen. Sigmund erwiderte, er nehme die Einladung an, falls sein Genosse Skjold ebenfalls willkommen sei. "Soviel ich weiß, trägt er nicht dazu bei, Dir bessere Sinnesart einzuflößen, obgleich Du dessen gar wohl bedarfst," meinte Gunnar, indessen gestattete er Skjold den Aufenthalt in seinem Hause. Jedoch erklärte er ihnen beiden, es sei eine Schwierigkeit mit ihrem Bleiben verbunden. "Mein Weib Halgjerde," sagte er, "unternimmt gar vieles, was meinem Willen zuwider ist und ihr dürft nicht sogleich zuschlagen, wenn sie Euch anstachelt." "Nicht führt den Schlag, wer Worte macht," antwortete Sigmund. "Drum suchet stets Rath bei mir," sprach Gunnar, "und thuet, was ich Euch heiße." Seitdem hielten sich Sigmund und Skjold in Gunnar's Nähe. Halgjerde aber begann bald Sigmund große Freundlichkeit zu erweisen und das ging schließlich so weit, daß sie ihm Geld zusteckte und ihm mit gleichem Eifer diente, wie ihrem Eheherrn, so daß die Leute viel darüber redeten und sich verwundert fragten, was dem wohl zu Grunde liege. Eines Tages sagte sie zu Gunnar: "Nicht beruhigen kann ich mich mit den drei Mark Silber, die Du für meinen Vetter Brynjolf empfangen hast, darum will ich zusehen, ob ich ihn nicht rächen kann." Gunnar erwiderte, er wolle mit ihr keine Worte wechseln, und ging fort. Er sandte aber sofort seinen Bruder Kulskjäg zu Nial und ließ ihm ansagen, Thord möge sich hüten, der Friede sei faul und unzuverlässig. Darnach beredete sich Halgjerde mit ihrem Tochtermann Thraen Sigfussohn und wollte ihn verleiten, Thord Lösingsohn zu erschlagen, doch wollte er nicht darauf eingehen. "Mein Vetter Gunnar würde mir schwer zürnen," versetzte er; "auch bringt solche That viel Gefahr mit sich, denn sie würde sogleich gerächt." "Wer sollte es rächen," spottete sie, "doch wohl nicht der bartlose Knicker?" "Nicht er, aber seine Söhne," antwortete Thraen. Sie redeten nun lange mit einander, ohne daß jemand erfuhr, welche Pläne sie schmiedeten. Einst traf es sich, daß Gunnar nicht zu Hause war, aber Sigmund war auf Hlidarende und Skjold, sein Gefährte und auch Thraen war von Grytaa herübergekommen. Es saßen die drei vor dem Hause und unterhielten sich mit Halgjerde. "Ihr versprachet mir, Thord zu erschlagen, Ihr beiden Genossen, Skjold und Sigmund," sprach sie, "und auch Du, Thraen, versprachst, dabei zu sein." Das bejahten die drei. "Jetzt höret meinen Rath," fuhr sie fort, "Ihr müßt ostwärts nach dem Hornefjord reiten, um Euer Gut zu holen, und müßt erst heimkommen, wenn das Ting begonnen hat, denn sonst wird Gunnar Euch zum Ting mitführen. Nial und seine Söhne reiten gleichfalls zum Ting. Wenn Ihr dann zurückkommt und alle diese Männer fern sind, dann müßt Ihr Thord tödten." Sie versprachen nun alle, den Anschlag zu fördern und ritten sogleich ostwärts nach dem Hornefjord. Gunnar ahnte nichts Böses und begab sich zum Ting. Nial hatte auch Thord dahin mit sich nehmen wollen, allein er hatte ihn mit einem Auftrag fortgeschickt und er kehrte nicht rechtzeitig genug wieder, denn ein Fluß, den er unterwegs durchwaten mußte, war über seine Ufer getreten. So mußte denn Nial ohne ihn zum Ting reiten, doch hieß er Bergthora, ihn nachzusenden, sobald er zurückgekehrt sei. Nach zwei Nächten kam er. Bergthora trug ihm auf, sich zum Ting zu begeben. "Zuerst aber magst Du nach Thorolfsfjeld hinaufreiten," fügte sie hinzu, "um dort nach der Wirthschaft zu sehen; allein Du darfst nicht länger als höchstens zwei Nächte Dich dort aufhalten." Von diesen Begebenheiten erhielt Halgjerde Nachricht, und als nun Sigmund, Skjold und Thraen vom Hornefjord zurückkamen, sagte sie ihnen an, wie die Dinge ständen und hieß sie eilen. Sie ritten daher sogleich von Hlidarende aus nach Thorolfsfjeld zu. Unterwegs äußerte Sigmund, Thraen möge sich der Theilnahme am Ueberfall enthalten; sie bedürften seiner nicht, und Thraen that nach seinen Worten. Kurz darauf kam Thord ihnen entgegen. "Du mußt sterben, Thord," rief Sigmund ihm zu, "ergieb Dich sogleich." "Mit nichten," erwiderte Thord, "jedoch stellt Euch mir einzeln zum Kampf." "Nein," sprach Sigmund, "wir möchten doch gern aus unsrer Uebermacht Vortheil ziehen. Du mußt ja stark sein, da Dein Pflegesohn Skarphedin so stark ist, und doch soll nach dem alten Wort nur ein Viertheil der Stärke des Pflegevaters auf den Pflegesohn übergehen." "Du wirst es schon empfinden," antwortete Thord, "wie stark Skarphedin ist, denn er wird mich rächen." Darauf drangen sie auf ihn ein. Er zerbrach jedem einen Speer, so trefflich wehrte er sich. Da hieb ihm Skjold die eine Hand ab, doch Thord kämpfte eine Weile mit der anderen. Endlich durchstach ihn Sigmund mit einem Speer, er sank leblos zur Erde und sie bedeckten die Leiche mit Rasen und Steinen. "Ein böses Werk haben wir vollbracht," sagte Thraen, "Nial's Söhne werden es bitter empfinden, wenn sie die Kunde empfangen." Halgjerde wurde froh, als sie ihr die Nachricht brachten, Ranvejg aber sprach zu Sigmund: "Nur kurze Weile freut die Hand sich des Kampfes; indessen wird Gunnar Dich wohl aus dieser Sache lösen; aber gelingt es Halgjerde, Dich noch einmal auf's Glatte zu führen, dann wird es Dein Tod sein." Halgjerde ließ sowohl auf Bergthorshvol, wie auch Gunnar auf dem Tinge die Blutthat ansagen. Als Bergthora die Botschaft empfing, versetzte sie, sie wolle darum keine argen Worte gegen Halgjerde brauchen; "es bedarf andrer Waffen, um eine solche That zu rächen," fügte sie hinzu. Gunnar aber rief aus, es sei die schlimmste Kunde, die man ihm bringen könne, und eilte sofort zu Nial. Niemand außer Kulskjäg war bei ihrer Unterredung zugegen. "Harte Zeitung bringe ich Dir," sagte Gunnar, "Thord Lösingsohn ist erschlagen, drum will ich Dir das Urtheil überlassen." Nial schwieg eine Weile, dann erwiderte er, er wolle Gunnar's Anerbieten annehmen, obgleich er darob harte Worte hören werde von seiner Frau und seinen Söhnen. "Aber," setzte er hinzu, "von meiner Seite soll der Bund unsrer Freundschaft nicht gebrochen werden." Er gestattete auch nicht, daß seine Söhne bei dem Vergleich zugegen seien. "Sie geben ihre Einwilligung nicht dazu," sprach er, "doch werden sie den Vergleich, den ich geschlossen habe, auch nicht brechen." Darauf reichten Nial und Gunnar einander die Hand zum Zeichen, daß sie sich verglichen hätten. "Ich schätze die Buße auf sechs Mark Silber," versetzte Nial, "das scheint Dir viel zu sein?" "Nicht zu viel," antwortete Gunnar, zahlte das Geld und begab sich nach seiner Hütte. Bald darauf kamen Nial's Söhne nach Hause. "Es muß ihnen ein wichtiges Ding gewesen sein, die That zu vollführen," sagte Skarphedin, als er alles erfuhr; "sonst hätten ihrer nicht so viele den einen überfallen. Doch wann ist die Sache weit genug gediehen, daß es uns zukommt, die Hand zu erheben?" "Lange wird es nicht dauern," entgegnete Nial, "doch ist es mir sehr darum zu thun, daß dieser Vergleich nicht gebrochen wird." "Dann soll er auch nicht gebrochen werden," antwortete Skarphedin, "allein bei der nächsten Mißhelligkeit wollen wir der alten Feindschaft gedenken." "Dagegen werde ich nichts einwenden," sagte Nial. Als aber Gunnar vom Tinge heimkam, stellte er Sigmund zur Rede und sagte: "Nicht erwartete ich, daß Du meinem Hause etwas Gutes bringen würdest; daß es aber so arg werden würde, habe ich nicht geahnt. Treffliche Anlagen hast Du, doch brauchst Du sie übel. Deine Sinnesart stimmt nicht mit der meinigen, denn Du bist schnell bei der Hand mit Hohn und Spott; darum Dein gutes Einvernehmen mit Halgjerde; Ihr gleicht einander. Jetzt habe ich Dich mit Nial und seinen Söhnen verglichen. Laß' Dich nun nicht zum zweiten Mal verleiten." In dieser Weise ermahnte er ihn eine Weile. Sigmund antwortete niedergeschlagen und gelobte, er werde in Zukunft sich nach Gunnar richten. "Ja, das thue," versetzte dieser, "Dir selbst wird es am meisten frommen." Die Zeit verging; zwischen Gunnar und Nial bestand die Freundschaft unerschüttert; zwischen ihren Häusern aber wurde sie kühler und kühler.

24

Sigmund's und Skjold's Tod.

Halgjerde hatte auf Hlidarende ein Frauengemach, zu welchem die Frauen auf dem Hofe sich hielten und daselbst ihrer Handarbeit oblagen. Sie selbst hatte auch eine Vorliebe dafür, dort zu sitzen und mit den anderen Frauen zu plaudern und bisweilen kamen auch Männer herzu und nahmen Theil an der Heiterkeit und der Kurzweil, die dort herrschte. Eines Tages saß Halgjerde dort mit ihrer Tochter Thorgjerde und vielen andern Frauen und Sigmund und Thraen waren zugegen. Da traten einige Bettelweiber herein. Halgjerde hieß sie willkommen, ließ ihnen Platz machen und fragte sie nach Neuigkeiten; jene aber wußten keine. "Wo seid Ihr denn über Nacht gewesen?" fragte sie. "Auf Bergthorshvol," entgegneten jene. "Was hatte Nial denn vor?" fragte sie weiter. "Alles, was er that, bestand darin, daß er still auf einem Fleck saß," meinten jene. "Nun, und seine Söhne," fuhr Halgjerde fort, "was fingen die an?" Die Weiber sprachen: "Lang genug sind sie, wozu sie aber tüchtig sind, das hat man bis jetzt noch nicht erfahren. Uebrigens stand Skarphedin da und schliff eine Axt, Grim schäftete einen Speer, Helge setzte einen Griff auf ein Schwert, Höskuld aber befestigte eine Handhabe an einen Schild." "Dann bereiten sie wohl eine große That vor?" sagte Halgjerde. "Wir wissen es nicht," erwiderten die Weiber. "Aber die Dienstleute," forschte Halgjerde weiter, "was schafften die?" "Was die übrigen zu thun hatten," antworteten die Weiber, "das wissen wir nicht; es war aber einer da, welcher Dünger auf das Feld fuhr." "Wozu sollte das gut sein?" versetzte Halgjerde. Die Weiber erwiderten: "Er sagte, das Gras werde dadurch besser wachsen." "Dann ist Nial doch einfältig," spottete Halgjerde, "er, der sonst für alles guten Rath hat." "Was willst Du damit sagen?" fragten die Weiber. "Ich meine," fuhr Halgjerde fort, "wenn der Dünger solche Kraft in sich trägt, dann ist Nial dumm, weil er nicht Dünger auf seinen eigenen Bart hat fahren lassen, damit derselbe wachse wie bei anderen Männern; drum wollen wir ihn in Zukunft den bartlosen Knicker heißen; und seine Söhne, ja, die haben Bart genug, die sind wohl so klug gewesen zu thun, was er versäumt hat; sie mögen daher die Mistbärte heißen. Sing' uns ein Lied davon, Sigmund, damit wir uns freuen an Deiner Skjaldkunst." Sigmund sang sogleich ein Lied, in welchem er Nial und dessen Söhne mit den Spottnamen belegte, die Halgjerde ihnen gegeben hatte und noch viel andres zu ihrem Hohne sagte. "Du bist ein wahres Kleinod, so willfährig wie Du gegen mich bist," rief Halgjerde, als er geendet hatte, und es herrschte viel Lustigkeit und Lachen in dem Frauengemach. Da trat Gunnar herein; er hatte vor der Thüre gestanden und alles vernommen. Augenblicks verstummte das Gelächter. Gunnar war furchtbar zornig. "Ein Narr bist Du," fuhr er Sigmund an, "diese Spottlieder werden Dir den Tod bringen. Ueber jeden aber," wandte er sich an alle, "der diese Lieder wiederholt oder nur ein Wort davon fallen läßt, was hier gesagt ist, wird mein Zorn kommen und ich werde ihn vom Hofe jagen." Darauf ging er hinaus; es fürchteten ihn aber alle so sehr, daß niemand die Worte zu wiederholen wagte. Nur die Bettelweiber überlegten sich, daß Bergthora ihnen guten Lohn geben werde, wenn sie ihr erzählten, was geschehen sei. Sie eilten sogleich zu ihr und sagten ihr alles, ohne daß sie sie gefragt hatte. Als nun später die Männer auf Bergthorshvol sich zu Tische setzten, sprach Bergthora: "Jetzt hat man Euch Geschenke und Gaben gegeben, dem Vater und den Söhnen zugleich, und zahlt Ihr es nicht heim, so steht es nur schlecht um Eure Mannheit." "Welche Gaben hat man uns gegeben?" fragte Skarphedin. Bergthora entgegnete: "Ihr Söhne empfinget eine, die Ihr Euch redlich